Donnerstag, 20. Dezember 2012
Habt ihr es schon gehört?
„Habt ihr es schon gehört?“ fragte der Mann die Frau, als er am Abend abgehetzt nach Hause kam. Und als er ihr es erzählte, strahlte ein Lächeln über ihrem Gesicht. So gingen sie glücklich zu Bett und erwachten am Morgen gleichfalls glücklich.
Es war der Chef, der seinen Angestellten fragte, ob er es schon gehört hatte. Dieser blickte panisch von seiner Arbeit hoch und fragte sich, was er vergessen habe.Doch als der Chef es ihm sagte, erstrahlt ein Lächeln über sein Gesicht und er wurde glücklich.
Es war die Kassiererin, die die gehetzte Frau an der Kasse fragt, ob sie schon gehört hätte.
Die Frau hört ihr zunächst gar nicht zu. Dann nahm sie doch das Handy vom Ohr und die Kassiererin wiederholte ihre Frage. Und über dem Gesicht der Frau erstrahlte ein Lächeln, als ihr die Antwort klar wurde.
Es war der Boxer, der seinem Gegner im Ring entgegentrat und ihn fragte, ob er es schon gehört habe. Dieser ließ verdutzt den Arm sinken, mit dem er seinen Gegner auf die Matte schicken wollte.
Ein Lächeln überstrahlte sein Gesicht und gemeinsam wandten sie sich dem Ringrichter zu und fragten ihn, ob er es denn schon gehört habe. Dieser brach daraufhin den Kampf ab und ein Lächeln überstrahlte ihre Gesichter.
So verbreitete sich die Frage durch die Stadt, das Land, durch die ganze Welt. Menschen stellen sich die Frage, flüsternd, lachend, schreiend, jubelnd, leise murmelnd. Und auch wenn sie die Frage nicht erwartet hatten und die Antwort nicht kannten, hatten sie sie doch gewusst. Politiker riefen es in die Mikrofone, die Nachrichtensprecher erzählten es der Kamera. Der Professor brach mit dieser Frage seine Vorlesung ab und der Prediger verkündete es von seiner Kanzel.
Es war eine Frage, die um die Welt schwirrte. Und als die Frage endlich bei dem kleinen Mädchen ankam, das sich die Welt anschaute und sich wunderte, lachte dieses nur laut auf und sagte:
„Ich weiß, es ist Weihnachten!“
Samstag, 15. Dezember 2012
Es.
Genervt blickte er sich um. Nichts Bekanntes kam ihm vor die Augen und er verfluchte alle, die auch nur
möglicherweise Schuld an seiner Situation sein konnten. Zum Beispiel
sein Manager, der ihm diesen Auftritt in einer wahrlich
gottverlassenen Gegend aufgedrängt hatte. Oder seinen Assistenten,
der sich am Morgen wegen einer Grippe krank gemeldet hatte. „Grippe“,
schnaubte er verächtlich, „der hat doch höchstens einen
Schnupfen!“ Dann verfluchte er auch noch die Welt im Allgemeinen,
weil sie ihm offensichtlich heute Abend nicht gut gesonnen war, und
sein Navi im Speziellen, weil es ihn an diesen Ort gebracht hatte,
der so gar nicht dem entsprach, was er erwartet hatte. Er entsprach
auch nicht der Adresse, an der er jetzt eigentlich hätte sein
sollen, aber das war nur noch ein weiterer Punkt auf seiner
Ärgernisliste, die vor seinem inneren Auge gerade länger und länger
wurde. Zuguterletzt setzte er auch noch die Tankstellenbesitzer
dieser Welt auf die Liste, da er seit über einer Stunde kein
hoffnungsvoll leuchtendes Fleckchen mit Benzinvorräten mehr gesehen
hatte und das einzige Leuchten, das mit Benzin in Verbindung gebracht
werden konnte, die nun mehr sehr dramatisch blinkende Warnleuchte in
seinem Auto war. Wie es auch nicht anders hätte kommen können,
rumpelte sein Auto in diesen Momenten noch ein paar Mal und rollte
dann still und leise ein paar Meter aus, bis es schließlich
endgültig stehen blieb. Nick schlug verärgert mit der rechten Hand
auf das Lenkrad und zuckte zusammen, als seinem Auto ein lautes Hupen
entwich. Seinem Navi entsprechend müsste jetzt er jetzt kurz vor der
Stadt sein, in der man ihn bereits seit zwei Stunden erwartete. Oder
vielleicht auch nicht mehr erwartete, den Tatsachen musste er wohl in
die Augen sehen. Momentan sah er aber vorerst so gut wie nichts mehr.
Hier draußen im Nirgendwo schien das Dunkel dunkler zu sein als
anderswo. Das Leuchten seines Navis verhinderte zusätzlich, dass er
auch nur irgendwas außerhalb der Karosserie seines Autos erkennen
konnte. Nick zog sein Handy aus der Tasche, doch das hatte irgendwo
auf der Strecke den letzten Rest an Empfang verloren. Fluchend stieß
er die Autotür auf und schwang seine Beine und dann auch noch seinen
Körper aus dem Auto.
Anders als im Auto, in dem er laute
Musik gehört hatte, bis er vom Warngeräusch des Benzinwächters
gestört worden war, herrschte hier draußen eine bedrückende
Stille. Zusätzlich zu der eh schon einschüchternden Dunkelheit gab
es nichts zu hören außer einem Rascheln der Bäume am Straßenrand
und Nicks eigenem Atem. Das Handy als
Taschenlampe verwendend, ging Nick ein paar Schritte die Straße
entlang, musste jedoch feststellen, dass jeder Meter des Asphalts so
aussah wie der andere. „Das ist ja wie eine verdammte einsame
Insel“, fluchte er. Fehlt nur noch die Palme und der Sandstrand,
dachte er. Das wiederum wäre ja gar keine so schlechte Situation,
zumindest besser und heller, als die einsame Straßen-Insel mitten in
einem dunklen Nirgends weit weg von Irgendwo. Nick drehte um und
wollte wieder zu seinem Auto zurück, um dort wenigstens einen Rest
von Wärme und einen Großteil von Sicherheit zu verspüren. Doch als
er die Schritte zurückgemacht hatte, die er glaubte, in die andere
Richtung gegangen zu sein, stieß er nicht auf sein Auto. Verdutzt
blickte er sich um und hielt den sehr schwachen Schein des
Mobiltelefons in alle Richtungen. In keiner konnte er etwas
metallisch Glänzendes erkennen. Er rannte in die eine und in die
andere Richtung, bis er nach Luft schnappend stehen blieb. Wo vor
wenigen Minuten noch sein Auto gewesen sein musste, war jetzt nur
noch Dunkelheit.
Auf einmal trat er auf etwas und ein
lautes Geräusch durchschnitt die Nacht. Als ob ein Knochen brach,
dachte Nick unbehaglich, dabei wusste er noch nicht einmal, wie sich so etwas
anhören müsste. Vorsichtig hob er den Fuß, unter dem sich der
vermeintliche Knochen befand. Im bläulichen Licht des Handys sah er
einen Bleistift, gelb-schwarz, nur noch halb lang, an der Spitze
stumpf und nun auch noch in der Mitte durchgebrochen. Es gab wenige
Dinge, die Nick hier erwartet hätte; zumal er im Prinzip gar nichts
hier erwartet hatte. Aber ein Bleistift stand auf der Liste definitiv
nicht.
Nick fuhr erneut herum, als er den Wind
heulen hörte. Wie ein Schreckensgeheul huschte der Wind um ihn herum
und durch seine Ohren, bis ihm die Gänsehaut den Rücken hochkroch.
Nick fror auf einmal und wünschte sich, das Auto nie verlassen zu
haben. Er blickte sich erneut um; erneut in Hoffnung, sein Auto doch
noch zu finden. Doch er fand es nicht, vielmehr fand etwas anderes
ihn. Es fühlte sich wie der kalte Wind an. Es hörte sich an wie
der zerbrechende Bleistift. Es sah aus wie die schwarze Dunkelheit.
Und es sagte zu ihm: „Dies ist deine Strafe.“
(Reizwortgeschichte: Musiker, einsame Insel, Bleistift, Strafe)
Montag, 26. März 2012
Es war so ein Tag.
Es war so ein Tag, an dem man nichts mehr erwartete. Irgendwie war alles schon passiert und sie setzte den einen Fuß vor den anderen, nur, um den einen Fuß vor den anderen zu setzen. Oder den anderen vor den einen, das war ihr im Prinzip auch ziemlich egal. Es war ja so ein Tag, an dem man nichts mehr erwartete.
Der eine Fuß und der andere trugen sie die Straße hinab, vermeintlich stur geradeaus, aber umso mehr doch völlig ungelenkt. Sie passierte einen Baum, der seinem Aussehen nach auch nichts mehr zu erwarten schien außer dem gelegentlichen Vierbeiner, dem das runtzelige Laubwrack immer noch gut genug für Standortmarkierungen war. Passiv schritt sie an einem Reisebüro vorbei, doch selbst der deprimierte Seufzer „Urlaub…“ und eine entfernte Erinnerung an ein blaues, von leichten Wellen durchschnittenes und für gewöhnlich mit Träumen getränktes Meer schoben sich nicht mehr in ihr Bewusstsein. An einer Litfaßsäule warb ein Laufverein für einen Marathon im Mondschein, doch auch dies ließ ihre Füße kalt.
Schließlich kam sie doch zu einem Halt, unerwartet abrupt. An dem Tag und an der Straße, an dem und von der sie nichts erwartete, stand sie auf einmal vor dem Unerwarteten. Ihre Fußspitzen berührten den unteren Rand des Unerwarteten, stießen auf den Stein und standen still. Langsam und verdutzt hob sie die Hand und ließ ihre Finger darüber gleiten. Sie spürte die Risse in der hohen Mauer, die sich so unterwartet ihr in den Weg gestellt hatte. Wie eine Landkarte einer fremden Welt lagen die Linien auf dem Stein, grenzten sich ab und schlossen ein. Sie blickte sich um: An dem Tag, an dem nichts mehr zu erwarten war, drehte sie sich erwartungsvoll um. Aber es erwartete sie nach wie vor nur das Nichts und so wandte sie sich wieder der grauen Eminenz vor ihren Füßen und vor, vielleicht auch in ihrem Kopf zu. Erneut erhoben sich ihre Finger und begannen mechanisch mit Druck die Risse zu erkunden. Scharf schnitten die Kanten in ihre Fingerkuppen, hinterließen die Spuren auf ihr, wie sie es bereits auf der Wand getan hatten. Langsam hoben die Finger die Ränder an und erleichterten die Mauer Stück für Stück um ihre Hülle.
Eine rote Schichte lugte unter einer Ecke hervor und sie legte sie sorgfältig frei. Zäh und klebrig wie Marmelade blieb die Masse an ihrem Fingernagel hängen. Sie ergriff Besitz von ihrem gesamten Fingernagel – unerwartet, natürlich – und zog sich langsam den Finger entlang. Panik stieg gleichzeitig mit der roten Masse, wenn auch in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit in ihr auf, und sie versuchte, die Masse wieder zurück an die Mauer zu geben. Felsbrocken fielen vor ihren Füßen hinab, landeten auf ihnen und hinterließen Lücken in der Mauer. Größer und größer wurden die Löcher und als die rote Masse ihren Ellenbogen erreicht hatte, stand sie vor einem Durchgang. Verblüfft hielt sie inne, vergaß für einen Moment ihre Panik, die rote Masse, diesen Tag, diese Straße und ihre gesamte Erwartungslosigkeit und starrte nur in das Loch, das vor ihr stand. Ein kalter Wind blies ihr in den Nacken. Sie schob ihren Arm, rot wie er war, in das Loch und spürte Wärme.
Es war so ein Tag, an dem man nichts erwartete, als sie ohne jede Erwartung durch das Loch in eine neue Welt schritt.
Der eine Fuß und der andere trugen sie die Straße hinab, vermeintlich stur geradeaus, aber umso mehr doch völlig ungelenkt. Sie passierte einen Baum, der seinem Aussehen nach auch nichts mehr zu erwarten schien außer dem gelegentlichen Vierbeiner, dem das runtzelige Laubwrack immer noch gut genug für Standortmarkierungen war. Passiv schritt sie an einem Reisebüro vorbei, doch selbst der deprimierte Seufzer „Urlaub…“ und eine entfernte Erinnerung an ein blaues, von leichten Wellen durchschnittenes und für gewöhnlich mit Träumen getränktes Meer schoben sich nicht mehr in ihr Bewusstsein. An einer Litfaßsäule warb ein Laufverein für einen Marathon im Mondschein, doch auch dies ließ ihre Füße kalt.
Schließlich kam sie doch zu einem Halt, unerwartet abrupt. An dem Tag und an der Straße, an dem und von der sie nichts erwartete, stand sie auf einmal vor dem Unerwarteten. Ihre Fußspitzen berührten den unteren Rand des Unerwarteten, stießen auf den Stein und standen still. Langsam und verdutzt hob sie die Hand und ließ ihre Finger darüber gleiten. Sie spürte die Risse in der hohen Mauer, die sich so unterwartet ihr in den Weg gestellt hatte. Wie eine Landkarte einer fremden Welt lagen die Linien auf dem Stein, grenzten sich ab und schlossen ein. Sie blickte sich um: An dem Tag, an dem nichts mehr zu erwarten war, drehte sie sich erwartungsvoll um. Aber es erwartete sie nach wie vor nur das Nichts und so wandte sie sich wieder der grauen Eminenz vor ihren Füßen und vor, vielleicht auch in ihrem Kopf zu. Erneut erhoben sich ihre Finger und begannen mechanisch mit Druck die Risse zu erkunden. Scharf schnitten die Kanten in ihre Fingerkuppen, hinterließen die Spuren auf ihr, wie sie es bereits auf der Wand getan hatten. Langsam hoben die Finger die Ränder an und erleichterten die Mauer Stück für Stück um ihre Hülle.
Eine rote Schichte lugte unter einer Ecke hervor und sie legte sie sorgfältig frei. Zäh und klebrig wie Marmelade blieb die Masse an ihrem Fingernagel hängen. Sie ergriff Besitz von ihrem gesamten Fingernagel – unerwartet, natürlich – und zog sich langsam den Finger entlang. Panik stieg gleichzeitig mit der roten Masse, wenn auch in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit in ihr auf, und sie versuchte, die Masse wieder zurück an die Mauer zu geben. Felsbrocken fielen vor ihren Füßen hinab, landeten auf ihnen und hinterließen Lücken in der Mauer. Größer und größer wurden die Löcher und als die rote Masse ihren Ellenbogen erreicht hatte, stand sie vor einem Durchgang. Verblüfft hielt sie inne, vergaß für einen Moment ihre Panik, die rote Masse, diesen Tag, diese Straße und ihre gesamte Erwartungslosigkeit und starrte nur in das Loch, das vor ihr stand. Ein kalter Wind blies ihr in den Nacken. Sie schob ihren Arm, rot wie er war, in das Loch und spürte Wärme.
Es war so ein Tag, an dem man nichts erwartete, als sie ohne jede Erwartung durch das Loch in eine neue Welt schritt.
Bonnie.
“Was kannst du eigentlich??”, schrie er sie an, als er den Wagen ruckartig auf den Parkplatz der verlassenen Raststätte lenkte. „Nur die Karte lesen, mein Gott!!! Mehr solltest du nicht tun!!“ Sie rutschte immer tiefer in ihren Sitz, die Augen nach unten gerichtet, um möglichst jeden Blickkontakt mit ihm zu vermeiden. Eine Kuh, die neben der Raststätte bis dahin friedlich vor sich hin verdaute, schreckte auf, als er aus dem Auto sprang und die Tür mit einem lauten Knall zuschlug. Auch die Frau auf der Beifahrerseite zuckte zusammen und fing an, nervös auf ihren Lippen zu kauen. Sie sah ihm zu, wie er auf und ab lief, wild gestikulierend, in Gedanken wahrscheinlich sie anschreiend. Seine Haare waren plattgedrückt, wo sie sonst munter abstanden, und seine Augen drückten gleichzeitig Wut und Müdigkeit aus. Ihre Hand berührte den Stoff der Tasche, die er vor einer Stunde zu ihren Füßen gelegt hatte. Sie dachte kurz darüber nach, aber verwarf den Gedanken.
Auf einmal stand er neben ihrem Fenster und riss die Tür auf, so heftig und unerwartet, dass sie befürchtete, ihr Herz hätte für einen Augenblick aufgehört zu schlagen. Die Landkarte, die auf ihrem Schoß lag, fiel herunter, als er sie brutal aus dem Auto zog. Sie stolperte die ersten Schritte und glaube, das Gleichgewicht zu verlieren, doch sie fing sich rechtzeitig genug, um den ersten Schlag in ihr Gesicht entgegen zu nehmen. Der Reißverschluss ihrer offenen Winterjacke schrammte am Lack des Autos entlang, als sie nach hinten taumelte. Der zweite Schlag presste sie an das Auto und dicke Kratzer gruben sich in die metallene Hülle. Sie wartete auf den dritten Schlag, doch er kam nicht. Langsam begann sie, den Schmerz zu spüren, wie er sich über ihr Gesicht ausbreitete. In ihrem Kopf rauschte es. Sie sah in weiter Entfernung hinter seiner linken Schulter einen Hasen auf der Wiese und beschloss gerade, dass dieses Bild absurd wirkte, als der dritte Schlag sie traf. Sie sank neben der offenen Beifahrertür auf den Boden. Kleine Steine bohrten sich durch den dünnen Stoff ihrer schwarzen Hose, doch das war nichts im Vergleich zu dem Feuer, das in ihrem Gesicht loderte. Eine Hasstirade prasselte nun anstatt der Fäuste auf sie nieder, doch in ihrem Kopf dröhnte es so laut, dass seine Worte nicht zu ihr durchdrangen. Schließlich ließ er von ihr ab und stampfte mit großen und gewalttätigen Schritten in Richtung der Wiese. Der Hase hatte sich bereits in Sicherheit gebracht, schoss ihr durch den Kopf.
Sie atmete auf. Die Aufregung des Tages und sein Wutausbruch trugen dazu bei, dass ihre Beine derart zitterten, dass sie fast froh war, sich auf dem Boden zu wissen. Durch die geöffnete Autotür fiel ihr Blick erneut auf die Tasche mit dem Gecko-Zeichen, die im Fußraum stand. Ohne aufzustehen streckte sie ihren Arm aus und tastete nach dem Reißverschluss. Langsam zog sie ihn auf, während sie ihn weiter beobachtete. Noch immer stand er dort, abgewandt von ihr. Als er sich schließlich wieder zu ihr herumdrehte, saß sie nach wie vor an das Auto gelehnt vor der geöffneten Tür. Seinem Blick entging der geöffnete Reißverschluss. Seine Füße waren bereits wieder geballt, die Knöchel geschwollen von den Schlägen.
Sie sah seinen Tritt kommen, doch tat nichts, um ihm zu entkommen. Stattdessen ignorierte sie den stechenden Schmerz. Ein Knall ließ ihn zusammenzucken. Überrascht blickte er sie an und sackte dann in sich zusammen, während das Blut unkontrolliert aus der Wunde spritzte. Langsam stand sie auf, stieg über ihn hinweg und legte die Pistole zurück in die Tasche mit den Geldbündeln und den beiden Sturmmasken. Dann ging sie um das Auto herum. Sie stieg auf der Fahrerseite ein, startete den Motor und verließ ihn.
Auf einmal stand er neben ihrem Fenster und riss die Tür auf, so heftig und unerwartet, dass sie befürchtete, ihr Herz hätte für einen Augenblick aufgehört zu schlagen. Die Landkarte, die auf ihrem Schoß lag, fiel herunter, als er sie brutal aus dem Auto zog. Sie stolperte die ersten Schritte und glaube, das Gleichgewicht zu verlieren, doch sie fing sich rechtzeitig genug, um den ersten Schlag in ihr Gesicht entgegen zu nehmen. Der Reißverschluss ihrer offenen Winterjacke schrammte am Lack des Autos entlang, als sie nach hinten taumelte. Der zweite Schlag presste sie an das Auto und dicke Kratzer gruben sich in die metallene Hülle. Sie wartete auf den dritten Schlag, doch er kam nicht. Langsam begann sie, den Schmerz zu spüren, wie er sich über ihr Gesicht ausbreitete. In ihrem Kopf rauschte es. Sie sah in weiter Entfernung hinter seiner linken Schulter einen Hasen auf der Wiese und beschloss gerade, dass dieses Bild absurd wirkte, als der dritte Schlag sie traf. Sie sank neben der offenen Beifahrertür auf den Boden. Kleine Steine bohrten sich durch den dünnen Stoff ihrer schwarzen Hose, doch das war nichts im Vergleich zu dem Feuer, das in ihrem Gesicht loderte. Eine Hasstirade prasselte nun anstatt der Fäuste auf sie nieder, doch in ihrem Kopf dröhnte es so laut, dass seine Worte nicht zu ihr durchdrangen. Schließlich ließ er von ihr ab und stampfte mit großen und gewalttätigen Schritten in Richtung der Wiese. Der Hase hatte sich bereits in Sicherheit gebracht, schoss ihr durch den Kopf.
Sie atmete auf. Die Aufregung des Tages und sein Wutausbruch trugen dazu bei, dass ihre Beine derart zitterten, dass sie fast froh war, sich auf dem Boden zu wissen. Durch die geöffnete Autotür fiel ihr Blick erneut auf die Tasche mit dem Gecko-Zeichen, die im Fußraum stand. Ohne aufzustehen streckte sie ihren Arm aus und tastete nach dem Reißverschluss. Langsam zog sie ihn auf, während sie ihn weiter beobachtete. Noch immer stand er dort, abgewandt von ihr. Als er sich schließlich wieder zu ihr herumdrehte, saß sie nach wie vor an das Auto gelehnt vor der geöffneten Tür. Seinem Blick entging der geöffnete Reißverschluss. Seine Füße waren bereits wieder geballt, die Knöchel geschwollen von den Schlägen.
Sie sah seinen Tritt kommen, doch tat nichts, um ihm zu entkommen. Stattdessen ignorierte sie den stechenden Schmerz. Ein Knall ließ ihn zusammenzucken. Überrascht blickte er sie an und sackte dann in sich zusammen, während das Blut unkontrolliert aus der Wunde spritzte. Langsam stand sie auf, stieg über ihn hinweg und legte die Pistole zurück in die Tasche mit den Geldbündeln und den beiden Sturmmasken. Dann ging sie um das Auto herum. Sie stieg auf der Fahrerseite ein, startete den Motor und verließ ihn.
Donnerstag, 16. Juli 2009
Amoklauf
Flucht! Das Wort drang in ihren Kopf ein, füllte ihn aus und verhakte sich in den Windungen. Es dominierte ihre Gedanken und randalierte in ihr, ließ sie nicht mehr los. Sie konnte sie spüren, wie sie herankrochen, vermeintlich langsam und unschuldig, aber sie kannte sie besser. Sie würden sich heranschleichen, bis sie nah genug waren, um nach ihr zu greifen und sie würde nicht mehr in der Lage sein, sich zu wehren. Sie würde sich lähmen lassen, würde bis zur Unbeweglichkeit gefesselt werden und die Schatten hätten sie wieder in ihrer Gewalt, dieses Mal vielleicht endgültig.
Sie drehte sich um und befolgte den Befehl, den ihr Kopf an die Beine schickte. Lauf! Flieh! Und sie ergriff die Flucht, begann durch die schattengeladene Welt zu laufen. Mit jedem Schritt wurde die heraufgezogene Lähmung weniger und die Schnur, die sich um ihren Hals gelegt hatte, lockerte sich. „Du kriegst mich nicht“, schrie sie über ihre Schulter und erhöhte ihr Tempo.
Die Schatten fielen zurück, zogen erzwungen ihre kalten Krallen wieder aus ihrer Brust. Sie hinterließen klaffende, brennende Wunden, doch der Himmel zeigte Gnade und schickte Regen hinab. Tropfen, die zuerst über ihr Haar strichen, dann zärtlich ihr Gesicht streichelten und sich dort mit den salzigen Tränen vereinigten, die sich aus ihren Augenwinkeln hinaus gestohlen hatten. Schließlich mäanderten die Tropfen ihren Hals hinunter und trafen auf die Wunden in ihrer Brust. Vorsichtig legten sie sich auf die Ränder, drängten weiter zur Mitte vor, bis sie die tiefen Löcher komplett ausfüllten.
Es dauerte nur ein paar Sekunden und die Wunden in ihrer Brust waren verschlossen. Zarte rosa Narben mahnten ihre Existenz an, doch auch der Schmerz, der sich tief in ihren Körper eingefressen hatte, war gelindert worden. Währenddessen wurde ihr Lauf langsamer, das Blut schoss ein wenig langsamer durch ihre Adern. Es war heller in der Welt, die sie jetzt erreicht hatte. Sie konnte Umrisse erkennen, große Weiten, Licht. Abrupt blieb sie stehen, als ihr Blick auf die leuchtende Scheibe fiel, die sich hinten, am Rand ihres Blickfeldes, langsam der Welt entgegen schob.
Sie drehte noch einmal den Kopf und blickte zurück in die dunkle Welt, aus der sie gekommen war. Flucht war das einzige, was sie bei diesem Anblick noch denken konnte, und sie zog es vor, sich wieder um- und damit wegzudrehen. Die Narbe auf ihrer Brust zog und sie strich mit ihren Fingern über die Erhebung, die sie an die Welt erinnerte, der sie den Rücken zugedreht hatte. Mit dieser Bewegung setzte sie ihren Weg fort, lief der aufgehenden Sonne entgegen.
Der Boden, den sie unter ihren Füßen fühlte, war warm und sie sog die weiche und angewärmte Luft tief in sich ein, als wollte sie jeden Rest an Kälte aus sich hinausdrängen. Schließlich setzte sie sich in der hellen Welt auf den warmen Sand am Rande des großen Meers, das ihr mit seiner Weite den Atem zu rauben schien, denn es versprach ihr ohne Worte so viel Freiheit, die sie gar nicht zu fassen glauben konnte.
Ihre Füße waren zur Ruhe gekommen, ihre Flucht, ihr Lauf beendet. Entspannt beobachtete sie, wie die Sonnenstrahlen auf die Spitzen der Wellen trafen und sie zu kitzeln schienen, so dass sich das Wasser an seiner höchsten Stelle zu kräuseln begann. Sie schloss die Augen und ließ sich selbst auch kitzeln. Als sie wieder aufblickte, stand die Sonne ihr gegenüber.
Die Wärme war einer zunehmenden Hitze gewichen. Die Sonne brannte auf ihrem Gesicht und sie stand auf, um ihr ausweichen zu können. Dabei fiel ihr Blick auf das, was nun zu ihren Füßen lag und von dort aus größer wurde. Ihr Atem stockte und wieder war es das eine Wort, das eigentlich schon in die Vergangenheit verdrängt worden war, das sich nun wieder in ihre Gedanken schlich und sie zum Amoklauf bringen wollte.
Flucht! Das Wort drang in ihren Kopf ein, füllte ihn aus und verhakte sich in den Windungen. Es dominierte ihre Gedanken und randalierte in ihr, ließ sie nicht mehr los. Sie machte einen schon fast gelähmten Sprung zur Seite, doch der Schatten zu ihren Füßen folgte ihr ohne Verzögerung. Sie begann zu laufen, diesmal ins Wasser hinein, doch er ließ sie nicht mehr los. Sie fühlte, wie die Kälte von dort unten aus in ihr hochzog und sie dazu zwang, ihren fliehenden Schritt wieder zu verlangsamen, obwohl der andere, immer kleiner werdende Teil in ihr schneller werden wollte, laufen, weglaufen, fliehen, weg, raus, weg, Flucht! Aber der Schatten zu ihren Füßen packte sie, ergriff sie, hielt sie fest, bis sie in vollendeter Lähmung zum Stillstand kam. Auf ihrer Brust klafften große Wunden, so tief, dass sie ihr Herz berühren mussten.
Das Blut, das aus ihnen strömte, vereinigte sich schließlich mit dem salzigen Meer, als sie tiefer hineinsank, der Schatten ihr voraus, sie weiter hinab ziehend. Einige letzte Luftblasen ließen sich noch von den Sonnenstrahlen an der Wasseroberfläche kitzeln, während ihre Füße viel weiter unten nun den Boden berührten. Hier unten brach nur wenig Licht durch. Vertrieben von dem umgebenden Wasser verließ auch endlich das eine Wort ihr Bewusstsein und auch ihr Schatten verschwand. Endlich war die Flucht für immer vorbei.
Sie drehte sich um und befolgte den Befehl, den ihr Kopf an die Beine schickte. Lauf! Flieh! Und sie ergriff die Flucht, begann durch die schattengeladene Welt zu laufen. Mit jedem Schritt wurde die heraufgezogene Lähmung weniger und die Schnur, die sich um ihren Hals gelegt hatte, lockerte sich. „Du kriegst mich nicht“, schrie sie über ihre Schulter und erhöhte ihr Tempo.
Die Schatten fielen zurück, zogen erzwungen ihre kalten Krallen wieder aus ihrer Brust. Sie hinterließen klaffende, brennende Wunden, doch der Himmel zeigte Gnade und schickte Regen hinab. Tropfen, die zuerst über ihr Haar strichen, dann zärtlich ihr Gesicht streichelten und sich dort mit den salzigen Tränen vereinigten, die sich aus ihren Augenwinkeln hinaus gestohlen hatten. Schließlich mäanderten die Tropfen ihren Hals hinunter und trafen auf die Wunden in ihrer Brust. Vorsichtig legten sie sich auf die Ränder, drängten weiter zur Mitte vor, bis sie die tiefen Löcher komplett ausfüllten.
Es dauerte nur ein paar Sekunden und die Wunden in ihrer Brust waren verschlossen. Zarte rosa Narben mahnten ihre Existenz an, doch auch der Schmerz, der sich tief in ihren Körper eingefressen hatte, war gelindert worden. Währenddessen wurde ihr Lauf langsamer, das Blut schoss ein wenig langsamer durch ihre Adern. Es war heller in der Welt, die sie jetzt erreicht hatte. Sie konnte Umrisse erkennen, große Weiten, Licht. Abrupt blieb sie stehen, als ihr Blick auf die leuchtende Scheibe fiel, die sich hinten, am Rand ihres Blickfeldes, langsam der Welt entgegen schob.
Sie drehte noch einmal den Kopf und blickte zurück in die dunkle Welt, aus der sie gekommen war. Flucht war das einzige, was sie bei diesem Anblick noch denken konnte, und sie zog es vor, sich wieder um- und damit wegzudrehen. Die Narbe auf ihrer Brust zog und sie strich mit ihren Fingern über die Erhebung, die sie an die Welt erinnerte, der sie den Rücken zugedreht hatte. Mit dieser Bewegung setzte sie ihren Weg fort, lief der aufgehenden Sonne entgegen.
Der Boden, den sie unter ihren Füßen fühlte, war warm und sie sog die weiche und angewärmte Luft tief in sich ein, als wollte sie jeden Rest an Kälte aus sich hinausdrängen. Schließlich setzte sie sich in der hellen Welt auf den warmen Sand am Rande des großen Meers, das ihr mit seiner Weite den Atem zu rauben schien, denn es versprach ihr ohne Worte so viel Freiheit, die sie gar nicht zu fassen glauben konnte.
Ihre Füße waren zur Ruhe gekommen, ihre Flucht, ihr Lauf beendet. Entspannt beobachtete sie, wie die Sonnenstrahlen auf die Spitzen der Wellen trafen und sie zu kitzeln schienen, so dass sich das Wasser an seiner höchsten Stelle zu kräuseln begann. Sie schloss die Augen und ließ sich selbst auch kitzeln. Als sie wieder aufblickte, stand die Sonne ihr gegenüber.
Die Wärme war einer zunehmenden Hitze gewichen. Die Sonne brannte auf ihrem Gesicht und sie stand auf, um ihr ausweichen zu können. Dabei fiel ihr Blick auf das, was nun zu ihren Füßen lag und von dort aus größer wurde. Ihr Atem stockte und wieder war es das eine Wort, das eigentlich schon in die Vergangenheit verdrängt worden war, das sich nun wieder in ihre Gedanken schlich und sie zum Amoklauf bringen wollte.
Flucht! Das Wort drang in ihren Kopf ein, füllte ihn aus und verhakte sich in den Windungen. Es dominierte ihre Gedanken und randalierte in ihr, ließ sie nicht mehr los. Sie machte einen schon fast gelähmten Sprung zur Seite, doch der Schatten zu ihren Füßen folgte ihr ohne Verzögerung. Sie begann zu laufen, diesmal ins Wasser hinein, doch er ließ sie nicht mehr los. Sie fühlte, wie die Kälte von dort unten aus in ihr hochzog und sie dazu zwang, ihren fliehenden Schritt wieder zu verlangsamen, obwohl der andere, immer kleiner werdende Teil in ihr schneller werden wollte, laufen, weglaufen, fliehen, weg, raus, weg, Flucht! Aber der Schatten zu ihren Füßen packte sie, ergriff sie, hielt sie fest, bis sie in vollendeter Lähmung zum Stillstand kam. Auf ihrer Brust klafften große Wunden, so tief, dass sie ihr Herz berühren mussten.
Das Blut, das aus ihnen strömte, vereinigte sich schließlich mit dem salzigen Meer, als sie tiefer hineinsank, der Schatten ihr voraus, sie weiter hinab ziehend. Einige letzte Luftblasen ließen sich noch von den Sonnenstrahlen an der Wasseroberfläche kitzeln, während ihre Füße viel weiter unten nun den Boden berührten. Hier unten brach nur wenig Licht durch. Vertrieben von dem umgebenden Wasser verließ auch endlich das eine Wort ihr Bewusstsein und auch ihr Schatten verschwand. Endlich war die Flucht für immer vorbei.
Dienstag, 21. Oktober 2008
Unter Strom.
In nur geringen aber bedrohenden Dosen fließt Strom durch meinen Körper und durch meinen Kopf. Er lähmt meine Gliedmaßen und bringt meine Gedanken zum Amoklauf. Er lässt mich schreien und weinen, fesselt mich und macht mich zu einer Gefangenen meiner selbst. Ich will mich befreien und will den Strom los werden. Ich will weglaufen und fliehen, aber ich tu es nicht. Ich will mich nicht befreien und den Strom weiter Stück für Stück von mir zerstören lassen. Ich will mich weiter hinabsinken lassen und keine Kraft mehr für den Kampf aufwenden müssen. Ich will kämpfen und mich befreien und will wieder an der Oberfläche auftauchen. Ich will fallen. Ich will aufstehen. Ich will kämpfen. Ich will kapitulieren. Ich will weinen. Ich will lachen. Die Gedanken kreisen durch mein Hirn und erzeugen einen Wirbel, der alles mitreißt. Nichts kann sich halten und wird mit eingesogen. Viel zu dünne Mauern werden zerrissen wie Papier, wehen hinweg, als hätte es sie nie gegeben. Ich habe Schmerzen, hier und dort, und überall, aber wenn ich es mir genau überlege, schmerzt es nirgends. Ich liege und stehe wieder auf und setze mich und springe weg und knie auf den Boden und lasse mich fallen und wälze mich herum und richte mich wieder auf und liege und stehe wieder auf und setze mich und springe weg und knie auf den Boden und lasse mich fallen und wälze mich herum und richte mich wieder und liege mich herum und wälze mich runter und knie herab und schreie und weine und lache und zweifel und schließe die Augen und lasse mich vom Strom mitziehen.
Sonntag, 20. Juli 2008
Aufwachen.
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