Dienstag, 13. März 2007

C’est la révolution!!

Und fertig. Zufrieden legte er die Axt beiseite und betrachtete sein Werk. Vor ihm lagen hunderte abgeschlagener Köpfe, manche noch so gut wie neu. „Ihr habt es doch nicht anders verdient“, zischte er halblaut durch seine verkniffenen Lippen, als ihn die Augen aus einem dieser leblosen Gesichter anklagend anstarrten.
„Was musstet ihr auch eine Revolution anzetteln“, fuhr er fort, um sich vor der geballten Masse der Gartenzwergleichen zu verteidigen. Kleine Nasen und Reste von Zipfelmützen knirschten unter seinen Stiefeln, als er auf dem Plattenweg auf- und abschritt. „Es war euch nicht genug, in meinem Garten zu stehen und ihn zu bewachen, nein, ihr wolltet mehr und deshalb durftet ihr nicht weiterleben.“ Prüfend glitt sein Blick über Porzellansplitter und Zwergreste, während er sprach. Keiner war ihm entkommen. „Warum musstet ihr das machen?“ wiederholte er leise und blinzelte kräftig, als ihm Tränen in die Augen schossen und das Gartenzwergmassaker in ein Kaleidoskop aus Farben und Mustern verwandelten.

Doch als er am Ende der Hinrichtungsreihe angekommen war, fiel die Trauer von ihm ab, denn dort sah er wieder leuchtend rot aus der Mülltonne ragen, das, was sie angerichtet hatten.

Ganz friedlich seien sie, hatte ihm der verlogene Verkäufer im Gartencenter erzählt, als er die damals noch ganz niedlichen Gartenzwerge aus ihrem Gehege holte. Sie wären zwar noch jung, aber trotzdem schon effektiver als jeder Unkraut- und Blattlausvernichter. Darauf hatte er sich natürlich nicht verlassen und vorsichtshalber zusätzlich fünf Säcke extraergiebigen Unkrautvernichter neben die Zwerge in den Einkaufswagen gelegt.

Am Anfang hatte der Verkäufer recht behalten: Die Gartenzwerge taten ihre Arbeit gut und schon hatte er sich gefreut, dass er bei seinem Nachbarn von dieser Innovation gehört hatte. Es machte ihm regelrecht Freude, den Gartenzwergen dabei zuzugucken, wie sie in munterer Runde alles Böse von seinem Garten abhielten und, ja, fast mit einem erfreuten Strahlen in den Augen die fiesen Blattläuse ins Nirwana schleuderten. Den Unkrautvernichter streute er nur noch sonntags, wenn die Zwerge laut einem dieser unnützen Tarifverträge frei hatten und in ihren Liegestühlen die Sonne genossen, während er mühsam die Säcke mit dem Unkrautvernichter in den Garten schleppte.

Ein einziges Mal jedoch, nur ein einziges Mal, war ein Zwerg übereifrig gewesen und war auch am Sonntag bei der Arbeit. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet, wie hätte er auch ahnen sollen, dass dieser Kleine den für die Zwerge angeblich so heiligen Tag zum Arbeiten nützen würde. So hatte er den Zwerg eben auch nicht gesehen und aus Versehen eine große Schippe Unkrautvernichter über seiner Zipfelmütze verteilt.

„Damit hatte alles anfangen“, fluchte er jetzt laut und sein Blick landete auf dem kleinen Grab am Rande des Schlachtfeldes. Der Gartenzwerg war sofort zusammengebrochen und hatte sich grausam schreiend im Beet, auf seinen kostbaren Rosen gewälzt. Seine Haut war übersät von Pusteln und der Unkrautvernichter fraß sich unaufhaltsam in seinen Körper, bis der Zwerg zuckend erstickte.

„Was hätte ich denn machen sollen“ fragte er wütend in die tote Stille. „Ich konnte doch nichts dafür, dass er da war.“ Das allerdings hatten seine Zwerggenossen anders gesehen. Nach der tränenreichen Beerdigung kam der Oberzwerg zu ihm und brachte einen Forderungskatalog für bessere Sicherheit am Arbeitsplatz mit. Er hatte gelacht, damals. „Sonnenschirme!“, hatte er höhnisch gerufen, „Schutzwesten gegen Mückenangriffe!“ Die Zwerge erdreisteten sich sogar, von ihm zu verlangen, dass er seinen sonntäglichen Unkrautvernichter sukzessive abschaffen sollte.

„Was bitte habt ihr euch bloß dabei gedacht“, seufzte er nun angesichts des sonnengebräunten Scherbenhaufens in seinem Garten. Er hatte damals natürlich abgelehnt und die Zwerge ohne einen weiteren Kommentar zurück an die Arbeit geschickt. Er hatte sie schließlich nicht gekauft, um aus seinem Garten so einen verlausten Ökobetrieb zu machen, wie es sie immer häufiger gab.
Als er aber am nächsten Tag seinen Garten betrat, fand er anstatt seiner Zwerge nur Stille. Kein einziger Gartenzwerg stand in den Beeten, um seiner Arbeit nachzugehen und er konnte fast schon die Raupenarmeen und Lausbataillone hören, wie sie sich unaufhaltsam näher heran schoben. Wütend war er zur Zwergenunterkunft in der Regentonne gestampft und dort fand er sie auch. „Wir streiken“, erklärte ihm der Oberzwerg, „solange bis Sie unsere Forderungen akzeptieren.“ Er akzeptierte natürlich nicht und als er nach zwei Tagen tatsächlich ein erstes Ungeziefer in den Beeten fand, kippte er kräftig Unkrautvernichter drauf.

„Ihr habt es nicht anders gewollt“, fuhr er jetzt einen der abgeschlagenen Köpfe zu seinen Füßen an. „Warum wolltet ihr auch unbedingt die Revolution?“ Als er am dritten Streiktag in seinen Garten geblickt hatte, wurde ihm klar, dass er schwere Schritte ergreifen musste. An den Salatköpfen und Vergiss-mein-nicht entlang hatten sich die Zwerge mit großen, roten Plakaten aufgestellt und schrieen ihm ihre Forderungen entgegen. „35-Stunden-Woche“, hörte er, „Keine Macht den Pestiziden“, „Freie Fahrt für Öko“ und zuletzt „Wieviele Gartenzwerge müssen noch sterben?“ Da wusste er, was zu tun war.

„Das konnte ich mir doch nicht bieten lassen“, erklärte er jetzt dem toten Oberzwerg, dessen Kopf an der rechten Seite ein großes Loch aufwies und Einblicke in die Leere seines Inneren gewährte.

Er kam am Ende seines Gartens an und betrachtete die Porzellanscherben, die bis vor kurzem noch als Ganzes in seinem Garten gearbeitet hatten. Er nahm den Besen, der an der Hauswand lehnte, und kehrte die sterblichen Zwergüberreste zusammen. Mit einem lauten Scheppern landeten sie in der Mülltonne, wo sich auch schon die aufrührerischen Plakate und Spruchbänder befanden.

„So ein verdammter Zwergenaufstand“, murmelte er, als er nach dem Unkrautvernichter griff und in seinen Garten zurück kehrte.


Bdx, 29.04.2006

Mittwoch, 7. März 2007

Dystopia

„Ich weiß es nicht“, sagte sie und beendete das Gespräch mit einem emotionalen Druck auf die entsprechende Taste. „Ich weiß es nicht“, murmelte sie noch einmal, während sie ihr Mobiltelefon ausdrucksstark in ihrer Tasche versenkte. Eine unsanfte Berührung ihrer linken Schulter holte sie in die Realität zurück. „Entschuldigen Sie“, räusperte sich ein kleiner Junge, dessen Sommersprossen schon gar nicht mehr viel von seinem Gesicht freigaben. „Entschuldigen Sie, aber Sie stehen auf meinem Hund.“ Erschrocken blickte sie an ihrem bejeansten Bein herunter und nahm dann verstohlen ihren Strippy Sandal von Manolo Blahnik aus einem leise wimmernden Dackel. Schnell kramte sie noch in ihrer Tasche und fand nicht unweit ihres entflohenen Telefons eine Dose Sprühpflaster und verschloss damit das Loch, das ihr Absatz hinterlassen hatte. „Vielen Dank“, sagte der kleine Junge, dessen Sommersprossen nun vom Gesicht auf die Arme gewandert waren und dort eine muntere Polka tanzten. „Zum Glück sind Sie so profillos, Ihre Schuhe, meine ich“, und entschwand mit seinem nun wieder geheilten und munteren Begleiter pfeifend um die nächste Ecke.

Sie entsann sich wieder ihrer Existenz und machte sich ebenfalls erneut auf den Weg. Die Straße war voll mit Menschen und von allen Seiten her strömten mehr und mehr herbei. Sie scharten mit ihren Hufen, wenn sie von rigorosem Rotlicht an die Haltelinie verdonnert wurden. Sie passierte das Zoogeschäft und blieb kurz stehen, um ihr Spiegelbild im Käfig gegenüber zu betrachten, erkannte aber bald die zwanghafte Sinnlosigkeit. Selten hatte sie die Straße so lang empfunden und es gelüstete ihr nach einem Führer. Dieser ergriff ihre Hand und begann sie in eine Gasse zu ziehen. Sein Gesicht ohne Seele ließ sie zurück schrecken und den Schritt zurück in die Ladenstraße tun. Kinder gingen an ihr vorbei und fütterten ihre Jacke mit Schokoladen- und Zitroneneis, und als sie ihnen mitteilte, dass ihre Jacke lieber Erdbeereis mag, kam ein weiteres Kind in einer roten Hose und einem gelbgepunktetem Hemd und brachte Erdbeereis.

Zufrieden ging sie weiter und musste ein paar Autos übersteigen, die am Bordsteinrand Kaffeeklatsch hielten. Das kleine Schwarze beklagte sich über die nachlassende Kraft im Auspuff, ein schon verrosteter Kleintransporter schilderte die Leiden in seiner Stoßstange in den schönsten Farben. „Was wisst ihr denn schon?“, schrie sie ihnen zu, da ihr die Normalität dieser Straße inzwischen gehörig auf die Nerven ging. Fluchend stapfte sie weiter die Ladenstraße entlang und blieb erst stehen, als sie mit der Spitze ihres Turnschuhs in einer hochstehenden Ecke des Wembley-Rasens hängen blieb. Direkt in Höhe eines Cafés, in dem sich die Straßentauben eine Auszeit von der grauen Arbeitswelt gönnten, blieb sie stehen und verfluchte die Welt. Über ihrem Kopf toste eine Gewitterwolke, die Blitze hinab auf ihre glänzenden Reiterstiefel schleuderte und sich mit einem beinah erleichterten Seufzer über ihr ergoss. „Ich weiß es nicht, verdammt noch mal, ich weiß nicht, wo er ist.“

Und endlich blieb die Welt stehen.

Bonn, 6. März 2007

Montag, 5. März 2007

Von Gedankenquellen...

Rote Karos.

In jener Nacht bei Kerzenschein
Fielen rote Worte von meinen Fingern.
Im unsteten Licht hin- und hergeworfen
Doch einfach nicht zu leugnen.

Mein Kopf zu voll von ihnen,
Bis zum Platzen voll gefüllt.
Nur das Kratzen des Stiftes
Bezeugt die Rastlosigkeit.

Von Lachen und Weinen in Herz und Kopf,
Vom Mitleid und Kummer bei dir,
Bei mir der Katalysator in Worten
Rot auf kariertem Papier.

Wenig zu tun als nur den Stift zu halten
Und ihn unmutig über das Papier zu führen.
In Hoffnung, dass der Worte Flüsse
Bald ruhigere Gewässer spüren.

Von Reim und Vers stets keine Spur,
Zu sprudelnd die Gedanken.
In Reih und Glied würden sie fallen
Und mit ihnen der ganze Sinn verhallen.

Krampf in Kopf und müde Augen
Führen zur Kapitulation.
Doch tief in meiner Seele
Braust das Leben weiter.


Bdx, 3.2.06

Bienvenu chez moi

"Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und dem Glühwürmchen."
(Mark Twain)

In diesem Sinne findet ihr hier auf meiner kleinen Seite ein best-of meiner kreativen Ergüsse, seien sie in sprachlicher oder auch in bildlicher Form.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und Betrachten und freue mich immer über (konstruktive) Kritik!

"Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache,
wir bräuchten die Waffen nicht."
(Ingeborg Bachmann)