Und fertig. Zufrieden legte er die Axt beiseite und betrachtete sein Werk. Vor ihm lagen hunderte abgeschlagener Köpfe, manche noch so gut wie neu. „Ihr habt es doch nicht anders verdient“, zischte er halblaut durch seine verkniffenen Lippen, als ihn die Augen aus einem dieser leblosen Gesichter anklagend anstarrten.
„Was musstet ihr auch eine Revolution anzetteln“, fuhr er fort, um sich vor der geballten Masse der Gartenzwergleichen zu verteidigen. Kleine Nasen und Reste von Zipfelmützen knirschten unter seinen Stiefeln, als er auf dem Plattenweg auf- und abschritt. „Es war euch nicht genug, in meinem Garten zu stehen und ihn zu bewachen, nein, ihr wolltet mehr und deshalb durftet ihr nicht weiterleben.“ Prüfend glitt sein Blick über Porzellansplitter und Zwergreste, während er sprach. Keiner war ihm entkommen. „Warum musstet ihr das machen?“ wiederholte er leise und blinzelte kräftig, als ihm Tränen in die Augen schossen und das Gartenzwergmassaker in ein Kaleidoskop aus Farben und Mustern verwandelten.
Doch als er am Ende der Hinrichtungsreihe angekommen war, fiel die Trauer von ihm ab, denn dort sah er wieder leuchtend rot aus der Mülltonne ragen, das, was sie angerichtet hatten.
Ganz friedlich seien sie, hatte ihm der verlogene Verkäufer im Gartencenter erzählt, als er die damals noch ganz niedlichen Gartenzwerge aus ihrem Gehege holte. Sie wären zwar noch jung, aber trotzdem schon effektiver als jeder Unkraut- und Blattlausvernichter. Darauf hatte er sich natürlich nicht verlassen und vorsichtshalber zusätzlich fünf Säcke extraergiebigen Unkrautvernichter neben die Zwerge in den Einkaufswagen gelegt.
Am Anfang hatte der Verkäufer recht behalten: Die Gartenzwerge taten ihre Arbeit gut und schon hatte er sich gefreut, dass er bei seinem Nachbarn von dieser Innovation gehört hatte. Es machte ihm regelrecht Freude, den Gartenzwergen dabei zuzugucken, wie sie in munterer Runde alles Böse von seinem Garten abhielten und, ja, fast mit einem erfreuten Strahlen in den Augen die fiesen Blattläuse ins Nirwana schleuderten. Den Unkrautvernichter streute er nur noch sonntags, wenn die Zwerge laut einem dieser unnützen Tarifverträge frei hatten und in ihren Liegestühlen die Sonne genossen, während er mühsam die Säcke mit dem Unkrautvernichter in den Garten schleppte.
Ein einziges Mal jedoch, nur ein einziges Mal, war ein Zwerg übereifrig gewesen und war auch am Sonntag bei der Arbeit. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet, wie hätte er auch ahnen sollen, dass dieser Kleine den für die Zwerge angeblich so heiligen Tag zum Arbeiten nützen würde. So hatte er den Zwerg eben auch nicht gesehen und aus Versehen eine große Schippe Unkrautvernichter über seiner Zipfelmütze verteilt.
„Damit hatte alles anfangen“, fluchte er jetzt laut und sein Blick landete auf dem kleinen Grab am Rande des Schlachtfeldes. Der Gartenzwerg war sofort zusammengebrochen und hatte sich grausam schreiend im Beet, auf seinen kostbaren Rosen gewälzt. Seine Haut war übersät von Pusteln und der Unkrautvernichter fraß sich unaufhaltsam in seinen Körper, bis der Zwerg zuckend erstickte.
„Was hätte ich denn machen sollen“ fragte er wütend in die tote Stille. „Ich konnte doch nichts dafür, dass er da war.“ Das allerdings hatten seine Zwerggenossen anders gesehen. Nach der tränenreichen Beerdigung kam der Oberzwerg zu ihm und brachte einen Forderungskatalog für bessere Sicherheit am Arbeitsplatz mit. Er hatte gelacht, damals. „Sonnenschirme!“, hatte er höhnisch gerufen, „Schutzwesten gegen Mückenangriffe!“ Die Zwerge erdreisteten sich sogar, von ihm zu verlangen, dass er seinen sonntäglichen Unkrautvernichter sukzessive abschaffen sollte.
„Was bitte habt ihr euch bloß dabei gedacht“, seufzte er nun angesichts des sonnengebräunten Scherbenhaufens in seinem Garten. Er hatte damals natürlich abgelehnt und die Zwerge ohne einen weiteren Kommentar zurück an die Arbeit geschickt. Er hatte sie schließlich nicht gekauft, um aus seinem Garten so einen verlausten Ökobetrieb zu machen, wie es sie immer häufiger gab.
Als er aber am nächsten Tag seinen Garten betrat, fand er anstatt seiner Zwerge nur Stille. Kein einziger Gartenzwerg stand in den Beeten, um seiner Arbeit nachzugehen und er konnte fast schon die Raupenarmeen und Lausbataillone hören, wie sie sich unaufhaltsam näher heran schoben. Wütend war er zur Zwergenunterkunft in der Regentonne gestampft und dort fand er sie auch. „Wir streiken“, erklärte ihm der Oberzwerg, „solange bis Sie unsere Forderungen akzeptieren.“ Er akzeptierte natürlich nicht und als er nach zwei Tagen tatsächlich ein erstes Ungeziefer in den Beeten fand, kippte er kräftig Unkrautvernichter drauf.
„Ihr habt es nicht anders gewollt“, fuhr er jetzt einen der abgeschlagenen Köpfe zu seinen Füßen an. „Warum wolltet ihr auch unbedingt die Revolution?“ Als er am dritten Streiktag in seinen Garten geblickt hatte, wurde ihm klar, dass er schwere Schritte ergreifen musste. An den Salatköpfen und Vergiss-mein-nicht entlang hatten sich die Zwerge mit großen, roten Plakaten aufgestellt und schrieen ihm ihre Forderungen entgegen. „35-Stunden-Woche“, hörte er, „Keine Macht den Pestiziden“, „Freie Fahrt für Öko“ und zuletzt „Wieviele Gartenzwerge müssen noch sterben?“ Da wusste er, was zu tun war.
„Das konnte ich mir doch nicht bieten lassen“, erklärte er jetzt dem toten Oberzwerg, dessen Kopf an der rechten Seite ein großes Loch aufwies und Einblicke in die Leere seines Inneren gewährte.
Er kam am Ende seines Gartens an und betrachtete die Porzellanscherben, die bis vor kurzem noch als Ganzes in seinem Garten gearbeitet hatten. Er nahm den Besen, der an der Hauswand lehnte, und kehrte die sterblichen Zwergüberreste zusammen. Mit einem lauten Scheppern landeten sie in der Mülltonne, wo sich auch schon die aufrührerischen Plakate und Spruchbänder befanden.
„So ein verdammter Zwergenaufstand“, murmelte er, als er nach dem Unkrautvernichter griff und in seinen Garten zurück kehrte.
Bdx, 29.04.2006
„Was musstet ihr auch eine Revolution anzetteln“, fuhr er fort, um sich vor der geballten Masse der Gartenzwergleichen zu verteidigen. Kleine Nasen und Reste von Zipfelmützen knirschten unter seinen Stiefeln, als er auf dem Plattenweg auf- und abschritt. „Es war euch nicht genug, in meinem Garten zu stehen und ihn zu bewachen, nein, ihr wolltet mehr und deshalb durftet ihr nicht weiterleben.“ Prüfend glitt sein Blick über Porzellansplitter und Zwergreste, während er sprach. Keiner war ihm entkommen. „Warum musstet ihr das machen?“ wiederholte er leise und blinzelte kräftig, als ihm Tränen in die Augen schossen und das Gartenzwergmassaker in ein Kaleidoskop aus Farben und Mustern verwandelten.
Doch als er am Ende der Hinrichtungsreihe angekommen war, fiel die Trauer von ihm ab, denn dort sah er wieder leuchtend rot aus der Mülltonne ragen, das, was sie angerichtet hatten.
Ganz friedlich seien sie, hatte ihm der verlogene Verkäufer im Gartencenter erzählt, als er die damals noch ganz niedlichen Gartenzwerge aus ihrem Gehege holte. Sie wären zwar noch jung, aber trotzdem schon effektiver als jeder Unkraut- und Blattlausvernichter. Darauf hatte er sich natürlich nicht verlassen und vorsichtshalber zusätzlich fünf Säcke extraergiebigen Unkrautvernichter neben die Zwerge in den Einkaufswagen gelegt.
Am Anfang hatte der Verkäufer recht behalten: Die Gartenzwerge taten ihre Arbeit gut und schon hatte er sich gefreut, dass er bei seinem Nachbarn von dieser Innovation gehört hatte. Es machte ihm regelrecht Freude, den Gartenzwergen dabei zuzugucken, wie sie in munterer Runde alles Böse von seinem Garten abhielten und, ja, fast mit einem erfreuten Strahlen in den Augen die fiesen Blattläuse ins Nirwana schleuderten. Den Unkrautvernichter streute er nur noch sonntags, wenn die Zwerge laut einem dieser unnützen Tarifverträge frei hatten und in ihren Liegestühlen die Sonne genossen, während er mühsam die Säcke mit dem Unkrautvernichter in den Garten schleppte.
Ein einziges Mal jedoch, nur ein einziges Mal, war ein Zwerg übereifrig gewesen und war auch am Sonntag bei der Arbeit. Damit hatte er natürlich nicht gerechnet, wie hätte er auch ahnen sollen, dass dieser Kleine den für die Zwerge angeblich so heiligen Tag zum Arbeiten nützen würde. So hatte er den Zwerg eben auch nicht gesehen und aus Versehen eine große Schippe Unkrautvernichter über seiner Zipfelmütze verteilt.
„Damit hatte alles anfangen“, fluchte er jetzt laut und sein Blick landete auf dem kleinen Grab am Rande des Schlachtfeldes. Der Gartenzwerg war sofort zusammengebrochen und hatte sich grausam schreiend im Beet, auf seinen kostbaren Rosen gewälzt. Seine Haut war übersät von Pusteln und der Unkrautvernichter fraß sich unaufhaltsam in seinen Körper, bis der Zwerg zuckend erstickte.
„Was hätte ich denn machen sollen“ fragte er wütend in die tote Stille. „Ich konnte doch nichts dafür, dass er da war.“ Das allerdings hatten seine Zwerggenossen anders gesehen. Nach der tränenreichen Beerdigung kam der Oberzwerg zu ihm und brachte einen Forderungskatalog für bessere Sicherheit am Arbeitsplatz mit. Er hatte gelacht, damals. „Sonnenschirme!“, hatte er höhnisch gerufen, „Schutzwesten gegen Mückenangriffe!“ Die Zwerge erdreisteten sich sogar, von ihm zu verlangen, dass er seinen sonntäglichen Unkrautvernichter sukzessive abschaffen sollte.
„Was bitte habt ihr euch bloß dabei gedacht“, seufzte er nun angesichts des sonnengebräunten Scherbenhaufens in seinem Garten. Er hatte damals natürlich abgelehnt und die Zwerge ohne einen weiteren Kommentar zurück an die Arbeit geschickt. Er hatte sie schließlich nicht gekauft, um aus seinem Garten so einen verlausten Ökobetrieb zu machen, wie es sie immer häufiger gab.
Als er aber am nächsten Tag seinen Garten betrat, fand er anstatt seiner Zwerge nur Stille. Kein einziger Gartenzwerg stand in den Beeten, um seiner Arbeit nachzugehen und er konnte fast schon die Raupenarmeen und Lausbataillone hören, wie sie sich unaufhaltsam näher heran schoben. Wütend war er zur Zwergenunterkunft in der Regentonne gestampft und dort fand er sie auch. „Wir streiken“, erklärte ihm der Oberzwerg, „solange bis Sie unsere Forderungen akzeptieren.“ Er akzeptierte natürlich nicht und als er nach zwei Tagen tatsächlich ein erstes Ungeziefer in den Beeten fand, kippte er kräftig Unkrautvernichter drauf.
„Ihr habt es nicht anders gewollt“, fuhr er jetzt einen der abgeschlagenen Köpfe zu seinen Füßen an. „Warum wolltet ihr auch unbedingt die Revolution?“ Als er am dritten Streiktag in seinen Garten geblickt hatte, wurde ihm klar, dass er schwere Schritte ergreifen musste. An den Salatköpfen und Vergiss-mein-nicht entlang hatten sich die Zwerge mit großen, roten Plakaten aufgestellt und schrieen ihm ihre Forderungen entgegen. „35-Stunden-Woche“, hörte er, „Keine Macht den Pestiziden“, „Freie Fahrt für Öko“ und zuletzt „Wieviele Gartenzwerge müssen noch sterben?“ Da wusste er, was zu tun war.
„Das konnte ich mir doch nicht bieten lassen“, erklärte er jetzt dem toten Oberzwerg, dessen Kopf an der rechten Seite ein großes Loch aufwies und Einblicke in die Leere seines Inneren gewährte.
Er kam am Ende seines Gartens an und betrachtete die Porzellanscherben, die bis vor kurzem noch als Ganzes in seinem Garten gearbeitet hatten. Er nahm den Besen, der an der Hauswand lehnte, und kehrte die sterblichen Zwergüberreste zusammen. Mit einem lauten Scheppern landeten sie in der Mülltonne, wo sich auch schon die aufrührerischen Plakate und Spruchbänder befanden.
„So ein verdammter Zwergenaufstand“, murmelte er, als er nach dem Unkrautvernichter griff und in seinen Garten zurück kehrte.
Bdx, 29.04.2006
1 Kommentar:
Cool!
Wollen hoffen, dass die derzeitige Metall-Tarifrunde nicht ähnlich... obwohl... ;-)
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