Angewidert von dem menschlichen Wesen, das ihr gegenüber auf dem Platz Stellung bezogen hatte, blickte sie aus dem Fenster und beobachtete, wie Haus um Haus, Baracke um Baracke, Werbeplakat um Werbeplakat an ihr vorbei zogen, während Linie U2 sich weiter den Weg in Richtung Alexanderplatz bahnte. Die Fensterscheibe war verdreckt oder vom Leben zerkratzt, der Plastikbezug auf ihrem Sitz klebte und auf dem Boden zu ihren Füßen war eine undefinierbare Masse festgewachsen, der sie lieber keinen näheren Blick schenken wollte. Wie jeden Abend fuhr sie diese Strecke und wie jeden Abend sehnte sie sich nach dem Moment, an dem sie die U2 wieder verlassen konnte. Das Wesen ihr gegenüber versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erregen, aber damit würde es keinen Erfolg haben. Müde und entnervt von dem anstrengenden und auslaugendem Tag im Büro konzentrierte sie sich darauf, das Wesen nicht zu sehen. Draußen prallten Regentropfen an alles, was sich hinaus gewagt hatte und in der Ferne konnte sie die ersten Blitze ausmachen. Leise schob sich das Grollen des nahenden Gewitters in ihr Bewusstsein. Graffitischriften an grauen Hausmauern würden bald endgültig von Regen bedeckt sein, und die Blätter und Menschen, die jetzt noch der Natur standhielten, würden bald einknicken. Die Bahn fuhr an einem alten Fabrikgebäude vorbei, an einer mit feierabendglücklichen Autofahrern gefüllten Straße, an Hinterhöfen und wieder Hinterhöfen. Die U2 wurde langsamer und sie konnte Details der Höfe erkennen. Auf einem Balkon holte eine junge Frau hastig die Wäsche von der Leine, woanders leuchtete ein Fernseher in die graue Außenwelt. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie ein Banner, das an einer Hauswand hing. Erschrocken fuhr sie aus Apathie hoch und drehte den Kopf, um den Schriftzug auf dem Banner zu lesen. Atelier Cora Henkes. Das war nicht möglich, schoss es ihr durch den Kopf. Das war ihr Name.
Als sie im Regen auf der Straße stand, konnte sie sich nicht erinnern, warum sie ausgestiegen war. Ihre Bluse wurde von den Tropfen durchnässt, die sich wie eisige Pfeile auf ihrer Haut anfühlten. Langsam ging sie auf der Straße zurück zu der Stelle, wo sie das Banner gesehen hatte. In ihrem Kopf jagte ein Gedanke den anderen und obwohl sie jeden von ihnen als Gespinst abtat, konnte sie doch nicht anders, als Schritt um Schritt in Richtung „Atelier Cora Henkes“ zu tun. Verwundert blickte sie einem Mann mit einem seltsam aussehenden Hut hinterher, der sie Sekunden vorher ausgesprochen freundlich, ja fast verehrend begrüßt hatte. In was für eine Gegend war sie hier geraten, fragte sie sich und konnte sich nicht erinnern, jemals schon mal hier gewesen zu sein. Und dann stand sie vor dem Gebäude, das jenes Banner mit ihrem Namenszug trug. Ohne die Absicht genauer bedacht zu haben, klopfte sie an der großen und schweren Tür, die sich noch im gleichen Moment öffnete.
Ein erschreckend großes graues Augenpaar blickte ihr zuerst fragend und dann mit einem Schlag erfreut entgegen. „Frau Henkes, ach wie schön, dass Sie wieder da sind.“
Ohne dass sie sich hatte erklären können, war sie von dem Augenpaar in das Haus gelassen worden. Bisher hatte sie angesichts des Redeschwalls ihrer Begleitung noch kein Wort über die Lippen bekommen, aber sie zweifelte, dass es ihr auch tatsächlich gelingen würde, sollte sie die Gelegenheit dazu bekommen. Ungläubig folgte sie der jungen Frau, die zu dem Augenpaar gehörte, einen langen Gang entlang, der von Bilderrahmen gesäumt wurde. Ihr blieb der Atem weg, als sie den Inhalt eines Rahmens näher ansah. „Ja, so geht es mir auch immer wieder, wenn ich es sehe“, bemerkte die junge Frau lächelnd, „Sie sind so unglaublich, Ihre frühen Werke.“ „Meine?“, entfuhr es Cora. Und dann ging sie noch einen Schritt näher an den Holzrahmen heran. Die Zeichnung auf dem karierten Papier entstammte einer zittrigen Kinderhand, die Buntstifte waren an mancher Stelle zu fest aufgedrückt, der Hund war lila, das Mädchen hatte lange blonde Haare. Verwirrt fuhr sich Cora durch ihre goldfarbenen ausgefransten Haare. Am rechten unteren Rand des Bildes war die Signatur.
„Cora“.
„Für Mama.“
Die Erinnerung umfing sie.
Berlin, 13.07.06
Die Erinnerung umfing sie.
Berlin, 13.07.06