Sonntag, 30. Dezember 2007

Duftspur


Sein Gesicht war dunkel, ausgezerrt, wie ausgesogen, leer und verlassen. Seine Augen, vielleicht früher einmal mit einem Strahlen bedacht, zeigten sich nur noch suchend in den tiefen Höhlen, die sich in seinen Kopf gefressen hatten. Fahrig seine Bewegungen, wie er durch die Straßen glitt, scheinbar unscheinbar und fast schon nicht mehr sichtbar. Alle paar Meter hielt er inne und erschnüffelte die Bestandteile der Luft, die ihn umgab, doch nichts stellte ihn zufrieden. Er sog die Luft in seinen schmalen Körper, plusterte ihn mit ihr für einen Moment auf und stieß sie dann wieder hinaus, ganz so als würde er sich vor ihr ekeln, als müsste er sie wieder loswerden, um nicht an ihr zu ersticken.
Seine Finger krallten sich zusammen bei jedem Schritt und jedem Zug. Sein Anblick war nicht nur durchscheinend, sondern auch noch unschön. Er schien auf der Suche und nichts in seiner Welt schien ihm wichtiger. Menschen, denen er begegnete, übersahen ihn vielleicht, doch er wandte sich ihnen zu, entknüllte einen Zettel, den er zwischen seinen Fingern gekrallt hielt, hielt ihn ihnen hin in der Hoffnung auf Erkenntnis, doch selbst wenn sie sich nicht schon direkt von ihm abgewandt hatten, bedachten sie ihn nur mit einem müden Kopfschütteln. Hier und da fügte er noch etwas auf seinen Zettel hinzu, nachdem er mit glasigem Blick in sich gesucht und gefunden hatte, kritzelte es an den Rand, in der Hoffnung den Steckbrief noch vollkommener machen und seine Suche zu einem baldigen Ende führen zu können. Traurig hingen seine Kleider an ihm herab, in Sonne wie in Regen und es war, als umgäbe ihn ein ständiger Nebel. Er suchte.

Nur schemenhaft hatte sie ihn wahrgenommen. Er wirkt wie in Trance, wie er die Straße hoch und runter schlich, im wörtlichen Sinne immer der Nase nach, denn er schien wirklich um eine Ecke zu riechen, bevor er sich auf sie einließ. Unwillkürlich schauderte sie bei seinem Anblick und drückte sich etwas näher an die Häuserwand, um seiner Existenz nicht zu begegnen. Sie konnte nicht äußern, was an ihm sie so beunruhigte, es war vielleicht gerade das, dass sie es nicht ausmachen konnte, sondern sie schlichtweg von seinem Dasein in Angst und Schrecken versetzt wurde. Mit schnellen Schritten überquerte sie das Kopfsteinpflaster und durchquerte seine Gedanken. Sie kam näher auf ihn zu, wünschte sich weiter weg, konnte doch keinen Umweg gehen, der sie weiter von ihm entfernt hätte. So musste sie sich damit abfinden, in seine Umlaufbahn zu gelangen und versuchte diesen Akt so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sie sah, wie er ihren Vorgängern einen Zettel unter die Nase hielt, sie hatten gar keine Möglichkeit ein Wort zu lesen, vielmehr drückte er den Zettel unter ihre Nase und wenn sie dem menschlichen Bedürfnis des Luftholens nachkommen wollte, presste sich das papierne Produkt unter ihre Nasenöffnungen. Ihre Reaktion überraschte sie, war sie doch nicht negativ, sondern, ja, geradezu erleuchtet. Hatten sie gerade seinen Überfall noch abgewehrt, so schienen sie jetzt erfreut darüber zu sein, eine Art fast glücklicher Schein machte sich auf ihren Gesichtern breit. Verwundert hetzte sie weiter ihrem Schicksal entgegen und als sie bei ihm war und er auch ihr das zerknitterte Zeugnis unter die Nase hielt, erkannte sie den Grund. Sie konnte nicht anders, als an ihm zu riechen, die Papierfasern durch ihre Nase, in die Lungen aufzunehmen, sie durch ihre Geruchsorgane fließen zu lassen, die sogleich mit einer Art goldenem Funken Erkennung signalisierten. Wo sie hin wollte, war für sie nicht mehr interessant. Sie wollte wieder dort hin, wo sie herkam. In die Heimat.

Es ist vergeblich. Ich habe verloren. Ich habe ihn verloren. Tagelang, wochenlang, ja, jahrelang habe ich nach ihm gesucht, habe jede Ecke dieses Planeten erkundet, habe jede Rasse, jede Ethnie, jedes Geschlecht, jeden Religiösen gefragt. Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, wann ich ihn verloren haben und erst recht nicht, wo es passiert ist. Die Schuld kann ich nur bei mir suchen, war ich es doch, der so fahrlässig mit ihm umgegangen ist. Verachtet habe ich ihn, für unwichtig erachtet. Ich habe nicht mehr auf ihn geachtet, habe ihn vernachlässigt und so noch nicht einmal bemerkt, wie ich ihn verloren habe. Ich habe meine schwache Erinnerung an ihn festgehalten und ihn gesucht. Ich habe Menschen damit glücklich gemacht, aber mir selbst konnte ich nicht helfen.
Ich spüre, wie mehr und mehr Teile von mir langsam verschwinden. Es ist nicht so, als würden sie abfallen oder Stück für Stück kürzer werden, zuerst die Finger, dann die Hand oder so. Nein, ich verschwinde einfach. Ich werde langsam immer unscheinbarer. Zu Beginn dachte ich, ich wäre nur müde. Ich hätte mich in meinen Reisen allen Völkern angepasst, so dass ich nirgends mehr auffiel. Es war eine Täuschung. Es ist nicht so, dass ich nicht mehr auffalle, weil ich mich angepasst habe. Ich falle nicht mehr auf, weil es mich fast nicht mehr gibt. Ich habe keine Struktur mehr, keinen Charakter. Ich werde mit der Zeit zu einem grauen Nebel, der am Boden dieser Welt entlang streicht, verzweifelt Bäume und Beine ergreift, aber keine sichtbaren Spuren hinterlassen kann, bis er schließlich der Sonne und der Wärme weichen muss und ganz verschwindet. Ich habe verloren. Ich habe ihn verloren. Den Geruch der Heimat.