Donnerstag, 31. Januar 2008

Fast.



Erstaunt blickte ich ihm in die Augen, als sie näher kamen. Ich hörte seine Schritte auf dem kalten Stein und spürte seinen Atem fast bei mir. Seine Gestalt war mir so bekannt, sein Gesicht wie eingeprägt. Noch nie hatte ich seine Fassade überwunden.

Entfernt rauschte ein Wind durch die Bäume und wie entfesselt floh das Blut durch meine Adern. Endlich, dachte ich, ich liebe dich, wollte ich sagen, doch mit einem kurzen Fingerzeig nahm er mir die Sprache. Seine Augen lagen auf mir und blickten tief in mich hinein, einmal schnell hindurch. Kaum ein Gedanke passte noch zwischen uns und als er einen letzten Schritt auf mich zu machte, trafen sich unsere Körper fast. Mich durchfuhr ein eisiger Schauer, als er mich tief berührte und mit einem leichten Lächeln nebenbei mir mein Herz entriss.

Verwundert hielt er es in seiner Hand und sah dann gelassen dabei zu, wie es sich verzweifelt wandt und sich ihm anbiederte. Er drehte es, als wollte er sich von seiner Echtheit überzeugen, ganz so als hätte er noch nie ein Herz gesehen. Er nahm es in die andere Hand und überlegte, was zu tun sei. Während ich frierend wartete, bedeckte ich das Loch in meiner Brust mit meiner Angst. Noch immer schien er unentschlossen. Seine Augen blickten mich an, aber sie wussten nicht richtig.

Sein Lächeln erstarrte und mit ihm mein Herz. Ernüchtert stellte es seine Arbeit ein und lag nun bleischwer in seiner Hand. Schließlich nahm er den harten Stein in die andere Hand und legte ihn in meine Brust zurück. Er nahm mir eine salzige Träne vom Gesicht und wischte sich die kalten Hände an meiner Wange ab. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht drehte er sich um und ließ mich allein.

Freitag, 11. Januar 2008

Feuerflucht

Ihr Blut fing augenblicklich an zu tosen, als die Sirene sie aus dem Schlaf riss. Diuudiuudiuu kreiste es in ihrem Kopf, durchschnitt jeden zu fassenden Gedanken und machte die Nacht zum Tag. Verwirrt stolperte sie aus dem Bett. Der Lärm war ohrenbetäubend. Er überdeckte jede Regung und unterdrückte alle nur möglichen Meldungen. Über ihre Ohren drang er in sie ein und griff sie von innen an. Er glitt durch jede Pore bis tief in ihre Knochen, ließ dort sein lautes diuuudiuuudiuuu kreisen und zerschmetterte ihre Einzelteile. Sie presste ihre Hände vor die Ohren, um sich zu schützen, aber die unerbittliche Sirene quetschte sich durch ihre Finger, unter ihren Nägeln entlang, brannte dort eine Spur des Schmerzes ein und erreichte ihr Ziel. Ihre Suche nach Rettung blieb erfolglos und so fiel ihr nur die Flucht ein. Taumelnd vor Schmerz suchte sie ihren Weg nach draußen. Als ob die Feuchtigkeit das Geräusch vertreiben könne, war ihr Gesicht bald tränennass, einzelne Tropfen rutschten von ihrem Kinn in die Tiefe. Ihre nackten Füße rutschten über den glatten Boden auf der Flucht vor der schneidenden Sirene. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde nahm sie die Anwesenheit von Rauch wahr, aber ihre Wahrnehmung war vom Fluchtgedanken geprägt und so hatte sie nur einen Gedanken: Dem diuuudiuuudiuuu entfliehen. Es drückte ihr inzwischen auf die Brust und umkrallte ihr Herz wie mit einer Stahlfaust, im Rhythmus der Sirene fühlte sie ihr Herz pochen, sich verzweifelt winden in der Qual. In ihrem Kopf kamen weitere Chöre des Diuuu hinzu, vermischten sich mit ihren eigenen Gedanken und trieben sie voran. Macht, dass es aufhört, war das einzige, was sie noch in ihrem Kopf formulieren konnte, während sie den Flur entlang schwankte und nur die seitliche Wand ihr noch Orientierung bot. Unweit ihr selbst sah sie eine Tür aufblitzen und rannte auf sie zu. Sie war wie in Nebel getaucht und schien mit jedem diuuudiuuuudiuuu weiter von ihr wegzudrängen. Ihre Füße versagten ihr den Gehorsam und ergaben sich dem Lärm, zwangen sie zu Boden, die Hände an den Ohren, den Blick an der Tür. Keuchend fiel sie nieder und ließ das diuuudiuuudiuuu Besitz von ihr und ihrem Körper ergreifen. Rauchschwaden zogen über sie hinweg, bedeckten sie fast zärtlich und gaben ihr einen letzten Kuss, bevor sie ihr den Schlaf schenkten.

Bonn, 10.01.2008

Mittwoch, 9. Januar 2008

Schuldfragen

Zerronnen zwischen unseren Fingern und ohne Abdruck im Staub hätte es sein können, wenn wir nur gewollt hätten.

Hinweggeschmolzen in der Hitze unserer Nähe und verflogen wie die Vogelschar im Winter.

Ausgeschaltet wie das Licht durch den Schalter und weggeschnipst in einer Sekunde unserer Zeit.

Verblüht wie die Hoffnung im Blumentopf und untergegangen im Realismus der Notwendigkeit.

Es hätte sein können und es kommt die Zeit, da wir uns ärgern werden.
Es hätte sein können, aber es war nicht.
Wer ist schuld?



Montag, 7. Januar 2008

Das Glück liegt auf der Straße


Dreams come true..?


„Das Glück liegt auf der Straße“, erinnerte er sich. In diesem Fall musste er das personifizierte Glück sein, folgerte er selbstironisch und blickte von seiner Pappkartonunterlage an der Straßenecke, dort, wo sich die farbenfrohe Einkaufsstraße mit dem grauen Stadtrandabschaum kreuzte, in die Welt hinauf, die ihm einst so viel versprochen und am Ende dann doch nichts gegeben hatte. Mit runzeligen Fingern fuhr er sich über seinen verfilzen Bart und ignorierte den ständigen Juckreiz. Ihm gegenüber stand eine Ampel, die mit ihrem immer wiederkehrenden Farbenspiel zumindest ein wenig Regelmäßigkeit in sein Leben brachte. Füße mit Beinen strömten an ihm vorbei, für sie war er ein unauffälliges Etwas, das kaum ein Blick wert war, für ihn waren sie einfach nur Füße, die ihm keine Beachtung schenkten. Er zog seinen fleckigen Schlafsack enger um seinen abgemagerten Körper. Es gab Tage, an denen er seine Füße nicht mehr spürte oder sein Blickfeld nur von tanzenden Sternen ausgefüllt wurde. Hin und wieder riss ihn ein metallisches Klirren aus seiner Melancholie, wenn irgendeiner der oberkörperlosen Passanten ihn doch einmal wahrgenommen hatte. Wahrgenommen werden – was heute die Grundlage für sein tägliches Überleben bildete, war früher einmal sein Traum gewesen. „Dreams come true“, hatte man ihm gesagt, da drüben. Der Satz hatte sich in seinen Kopf gebrannt. Das Leben liegt vor mir, hatte er sich damals gesagt, doch vor ihm lag im Augenblick nur eine kleine verbeulte Dose mit ein paar wenigen Centstücken drin. Sein Gesicht war entweder gebräunt oder schlichtweg dreckig, so genau konnte man das nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Er wandte seinen Blick wieder von der Vergangenheit ab und blickte zur Seite.

Mit kleinen Freudenhüpfern schlenderte sie die Hauptstraße entlang. Ihre glänzenden Stöckelschuhe klickten auf dem harten Asphalt im Rhythmus ihres Glücks. „Ich hatte nur den Alltag zu verlieren“, lächelte sie und dachte daran, dass ihr Einsatz so gering gewesen, aber der Gewinn umso größer war. Ihr dünner Rock wehte in der frischen Brise des aufkommenden Frühlings und sie sog tief die Luft in ihren Körper. Träume werden manchmal eben doch wahr. Stolz strich sie über ihre Mappe, die sie fest in der rechten Hand hielt – sie hatte es geschafft. Die Menschen um sie herum nahm sie kaum wahr. Das eine oder andere Gesicht fiel in ihr Blickfeld, aber schnell hatte sie es auch schon wieder vergessen. Sie betrachtete ihre Silhouette in den glänzenden Scheiben der Schaufenster, die sie passierte. Dann drehte sie ihren Kopf wieder nach vorne, setzte die modische Sonnenbrille auf und wandte sich wieder der Zukunft zu.

Langsam nahm er einen Schluck aus der kleinen Flasche, die er unter seinem obersten Pullover aufbewahrte. Je weiter der Schluck durch seinen Körper glitt, umso mehr spürte er, dass das Leben zumindest ein bisschen in seine Glieder zurückkehrte. Dann drehte er die Flasche schnell zu und verstaute sie wieder. Ihm war kalt. Der Winter stand vor der Tür. Aber auch in ihm fror es. Er hoffte fast, dass er einfach innerlich erfrieren würde und damit auch der Gedanke an die Vergangenheit. Eine weitere Münze fiel in seine kleine rostige Dose und er zwang sich ein mechanisches Lächeln der Dankbarkeit auf die rauen Lippen. Der Menschenstrom ließ an diesen Tagen nicht nach. Oft blieben sie an den Schaufenstern stehen, keiner aber bei ihm.

Und morgen sage ich es ihm, beschloss sie mit einem vergnügten Funkeln in den Augen. Immerhin hatte er sie stets entmutig, ihr immer und immer wieder gesagt, dass manche Träume einfach nicht dazu gemacht wären, um Wirklichkeit zu werden. „Eines Tages“, hatte er ihr neulich erst prophezeit, „eines Tages wirst du aufwachen und dich bettelnd, arm, obdachlos an irgendeiner Straßenecke wieder finden.“

Manchmal zählte er die Füße, die sich an ihm vorbeischoben, einfach nur so, um sich zu beweisen, dass er es nicht verlernt hatte. Er waren Turnschuhe, Stiefel, Anzugschuhe, wie er sie auch mal getragen hatte. Damals, als man ihm da drüben gesagt hatte, dass Träume wahr werden. Heute trug er irgendwelche, inzwischen formlose Schuhe, die er von einem dieser Heime zusammen mit einer Tasse halbwarmer Suppe bekommen hatte.

Aber zuallererst musste die Sektflasche geköpft werden. Die Flasche hatte sie sicherheitshalber schon vor diesem Termin kaltgestellt. Sie genoss die immer wärmer werdende Sonne, während sie an der Ampel stehen blieb.

Im Dämmerlicht des beginnenden Abends zählte er jetzt noch schnell zwei Paar Turnschuhe, zwei mit Schlamm bespritzte Trekkingschuhe und ein Paar glänzende Stöckelschuhe, die selbstbewusst an der Ampel stehen blieben.

Zufrieden mit sich und der Welt schritt sie nach drüben und war sich sicher niemals zu scheitern.

Das Glück liegt auf der Straße, erinnerte er sich, schloss die Augen und beschloss am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Über die Lippen.

Auf dem Grund des tiefsten Ozeans.
Auf der Spitze der höchsten Wolke.
Im Innersten des schlimmsten Sturms und am äußersten Rand des Universums.

Im Gegenlicht der Morgensonne und im Silberstreifen des halben Monds.
Im matten Schein des Augenlichts und in der tiefsten Wahrheit des Herzens.

Auf der Spiegelfläche des großen Sees.
Auf der Fingerspitze des Gefühls.
Auf dem Boden der Tatsachen und auf der höchsten Meereswoge.

Zwischen hier und morgen.
Zwischen Tag und Nacht.
Zwischen dem Niemals und zwischen dem Immer.

Mit einer Träne im Gesicht.
Mit einem Zittern in den Fingern.
Mit einem Pochen im Herzen und Schmetterlingen im Bauch.

Mit dir, für dich und wegen dir.

Denn ohne dich niemals.

Dienstag, 1. Januar 2008

Klopfzeichen.

Eine Blase. Um mich. In mir. Für mich. Mein.
Mein Reich, mein Glück, meine Einsamkeit.
Nicht zerstochen und doch zerstört,
Durch Elend von innen und Lachen von außen.

Zu dick die Schicht, zu dünn die Haut,
Der Schall dringt durch, die Tränen nicht.
Schlag ich gegen die dünne Wand
So hört man mich doch außen nicht.

Entfliehen will ich meiner Welt,
die so verheißungsvoll begann.
Die ich mir baute, nur für mich.

Doch die Stille zu Beginn war trügerisch
Und hielt sich nicht lange schön.
Zu bald neidete ich der Welt die Außenhaut.

Aber zu gut hab ich die Welt erbaut
Zu fest den Knoten zugezurrt.
Wer draußen mich doch mal vermisste

Hat die Hoffnung längst vergessen.
Keine Sorge, kein Gedanken,
Verschwendung für mich gibt es nicht.

Meine Schuld ist mein Gefährte
In meiner kleinen Welt.
So einsam, trist und abgetrennt
Dass mein Herz vor Trauer brennt.