
Dreams come true..?
„Das Glück liegt auf der Straße“, erinnerte er sich. In diesem Fall musste er das personifizierte Glück sein, folgerte er selbstironisch und blickte von seiner Pappkartonunterlage an der Straßenecke, dort, wo sich die farbenfrohe Einkaufsstraße mit dem grauen Stadtrandabschaum kreuzte, in die Welt hinauf, die ihm einst so viel versprochen und am Ende dann doch nichts gegeben hatte. Mit runzeligen Fingern fuhr er sich über seinen verfilzen Bart und ignorierte den ständigen Juckreiz. Ihm gegenüber stand eine Ampel, die mit ihrem immer wiederkehrenden Farbenspiel zumindest ein wenig Regelmäßigkeit in sein Leben brachte. Füße mit Beinen strömten an ihm vorbei, für sie war er ein unauffälliges Etwas, das kaum ein Blick wert war, für ihn waren sie einfach nur Füße, die ihm keine Beachtung schenkten. Er zog seinen fleckigen Schlafsack enger um seinen abgemagerten Körper. Es gab Tage, an denen er seine Füße nicht mehr spürte oder sein Blickfeld nur von tanzenden Sternen ausgefüllt wurde. Hin und wieder riss ihn ein metallisches Klirren aus seiner Melancholie, wenn irgendeiner der oberkörperlosen Passanten ihn doch einmal wahrgenommen hatte. Wahrgenommen werden – was heute die Grundlage für sein tägliches Überleben bildete, war früher einmal sein Traum gewesen. „Dreams come true“, hatte man ihm gesagt, da drüben. Der Satz hatte sich in seinen Kopf gebrannt. Das Leben liegt vor mir, hatte er sich damals gesagt, doch vor ihm lag im Augenblick nur eine kleine verbeulte Dose mit ein paar wenigen Centstücken drin. Sein Gesicht war entweder gebräunt oder schlichtweg dreckig, so genau konnte man das nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Er wandte seinen Blick wieder von der Vergangenheit ab und blickte zur Seite.
Mit kleinen Freudenhüpfern schlenderte sie die Hauptstraße entlang. Ihre glänzenden Stöckelschuhe klickten auf dem harten Asphalt im Rhythmus ihres Glücks. „Ich hatte nur den Alltag zu verlieren“, lächelte sie und dachte daran, dass ihr Einsatz so gering gewesen, aber der Gewinn umso größer war. Ihr dünner Rock wehte in der frischen Brise des aufkommenden Frühlings und sie sog tief die Luft in ihren Körper. Träume werden manchmal eben doch wahr. Stolz strich sie über ihre Mappe, die sie fest in der rechten Hand hielt – sie hatte es geschafft. Die Menschen um sie herum nahm sie kaum wahr. Das eine oder andere Gesicht fiel in ihr Blickfeld, aber schnell hatte sie es auch schon wieder vergessen. Sie betrachtete ihre Silhouette in den glänzenden Scheiben der Schaufenster, die sie passierte. Dann drehte sie ihren Kopf wieder nach vorne, setzte die modische Sonnenbrille auf und wandte sich wieder der Zukunft zu.
Langsam nahm er einen Schluck aus der kleinen Flasche, die er unter seinem obersten Pullover aufbewahrte. Je weiter der Schluck durch seinen Körper glitt, umso mehr spürte er, dass das Leben zumindest ein bisschen in seine Glieder zurückkehrte. Dann drehte er die Flasche schnell zu und verstaute sie wieder. Ihm war kalt. Der Winter stand vor der Tür. Aber auch in ihm fror es. Er hoffte fast, dass er einfach innerlich erfrieren würde und damit auch der Gedanke an die Vergangenheit. Eine weitere Münze fiel in seine kleine rostige Dose und er zwang sich ein mechanisches Lächeln der Dankbarkeit auf die rauen Lippen. Der Menschenstrom ließ an diesen Tagen nicht nach. Oft blieben sie an den Schaufenstern stehen, keiner aber bei ihm.
Und morgen sage ich es ihm, beschloss sie mit einem vergnügten Funkeln in den Augen. Immerhin hatte er sie stets entmutig, ihr immer und immer wieder gesagt, dass manche Träume einfach nicht dazu gemacht wären, um Wirklichkeit zu werden. „Eines Tages“, hatte er ihr neulich erst prophezeit, „eines Tages wirst du aufwachen und dich bettelnd, arm, obdachlos an irgendeiner Straßenecke wieder finden.“
Manchmal zählte er die Füße, die sich an ihm vorbeischoben, einfach nur so, um sich zu beweisen, dass er es nicht verlernt hatte. Er waren Turnschuhe, Stiefel, Anzugschuhe, wie er sie auch mal getragen hatte. Damals, als man ihm da drüben gesagt hatte, dass Träume wahr werden. Heute trug er irgendwelche, inzwischen formlose Schuhe, die er von einem dieser Heime zusammen mit einer Tasse halbwarmer Suppe bekommen hatte.
Aber zuallererst musste die Sektflasche geköpft werden. Die Flasche hatte sie sicherheitshalber schon vor diesem Termin kaltgestellt. Sie genoss die immer wärmer werdende Sonne, während sie an der Ampel stehen blieb.
Im Dämmerlicht des beginnenden Abends zählte er jetzt noch schnell zwei Paar Turnschuhe, zwei mit Schlamm bespritzte Trekkingschuhe und ein Paar glänzende Stöckelschuhe, die selbstbewusst an der Ampel stehen blieben.
Zufrieden mit sich und der Welt schritt sie nach drüben und war sich sicher niemals zu scheitern.
Das Glück liegt auf der Straße, erinnerte er sich, schloss die Augen und beschloss am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen.