Montag, 19. Mai 2008

Falsch gestrickt?

Ohne einen Blick drauf werfen zu können, wusste ich, dass der dünne Strick, der zur Zeit meine Überlebensgarantie darstellte, tief in meinen linken Fuß einschnitt. An ihm hing ich, kopfüber, das Herz voraus, über einem Abgrund, dessen Grund ich weder erkennen konnte noch wollte. Ein tiefer, rot gerändeter Schnitt musste es inzwischen sein, doch der Schmerz war schon zu alltäglich geworden, als dass er mir noch hätte Schaden zufügen können. Von Zeit zu Zeit versuchten meine Finger einen weiteren Halt zu finde an der kantigen Felsenwand, aber noch versprach mir der Strick, so dünn er auch schien, ein zukunftsträchtigerer Garant zu sein. Ihm hatte ich bereits mein Vertrauen geschenkt, einen weiteren Vertrauensvorschuss würde ich nicht verkraften.

Und so zog ich es vor, weiter an dem Strick zu baumeln, der mir langsam aber sicher den Lebenssaft aus dem Fuß zog. In manchen Momenten begann ich die Aussicht zu genießen, vergaß das Schicksal und genoss die scheinbare Freiheit. Ich gab mich einer Illusion hin und begann sie zu lieben. Ich liebte den Strick und beschloss, ihm treu zu sein, welcher künftige Halt sich auch immer in meinen fallenden Weg stellen würde.

Zu meinen Haaresspitzen und eigentlich viel weiter hinab konnte ich Wasser rauschen hören, glucksend und vorfreuend, auf mich, auf meine Glieder, auf meine Knochen, die an verborgenen Felsen brechen würde, wenn mich der Strick enttäuschen würde. Wenn er reißen würde, plötzlich und doch vorhergesagt, wenn ich fallen würde, schreiend und doch von dumpfem Schweigen umhüllt. Wenn ich hinab stürzen würde, unwissend, ob ich erleichtert oder in Panik sein sollte. Das Wasser würde mich auffangen und mir eine Erleichterung vorgaukeln, bis dann die Realität einsetzen und der Strick die einzige Erinnerung an eine rosige Vergangenheit sein würde. Doch dann würde ich langsam ertrinken und die einzige Hoffnung, die bliebe, wäre die auf eine rettende Hand und sie wäre vielleicht vergeblich.

Deshalb zieh ich es vor, an meinem Strick zu baumeln und die Aussicht zu genießen.

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