Flucht! Das Wort drang in ihren Kopf ein, füllte ihn aus und verhakte sich in den Windungen. Es dominierte ihre Gedanken und randalierte in ihr, ließ sie nicht mehr los. Sie konnte sie spüren, wie sie herankrochen, vermeintlich langsam und unschuldig, aber sie kannte sie besser. Sie würden sich heranschleichen, bis sie nah genug waren, um nach ihr zu greifen und sie würde nicht mehr in der Lage sein, sich zu wehren. Sie würde sich lähmen lassen, würde bis zur Unbeweglichkeit gefesselt werden und die Schatten hätten sie wieder in ihrer Gewalt, dieses Mal vielleicht endgültig.
Sie drehte sich um und befolgte den Befehl, den ihr Kopf an die Beine schickte. Lauf! Flieh! Und sie ergriff die Flucht, begann durch die schattengeladene Welt zu laufen. Mit jedem Schritt wurde die heraufgezogene Lähmung weniger und die Schnur, die sich um ihren Hals gelegt hatte, lockerte sich. „Du kriegst mich nicht“, schrie sie über ihre Schulter und erhöhte ihr Tempo.
Die Schatten fielen zurück, zogen erzwungen ihre kalten Krallen wieder aus ihrer Brust. Sie hinterließen klaffende, brennende Wunden, doch der Himmel zeigte Gnade und schickte Regen hinab. Tropfen, die zuerst über ihr Haar strichen, dann zärtlich ihr Gesicht streichelten und sich dort mit den salzigen Tränen vereinigten, die sich aus ihren Augenwinkeln hinaus gestohlen hatten. Schließlich mäanderten die Tropfen ihren Hals hinunter und trafen auf die Wunden in ihrer Brust. Vorsichtig legten sie sich auf die Ränder, drängten weiter zur Mitte vor, bis sie die tiefen Löcher komplett ausfüllten.
Es dauerte nur ein paar Sekunden und die Wunden in ihrer Brust waren verschlossen. Zarte rosa Narben mahnten ihre Existenz an, doch auch der Schmerz, der sich tief in ihren Körper eingefressen hatte, war gelindert worden. Währenddessen wurde ihr Lauf langsamer, das Blut schoss ein wenig langsamer durch ihre Adern. Es war heller in der Welt, die sie jetzt erreicht hatte. Sie konnte Umrisse erkennen, große Weiten, Licht. Abrupt blieb sie stehen, als ihr Blick auf die leuchtende Scheibe fiel, die sich hinten, am Rand ihres Blickfeldes, langsam der Welt entgegen schob.
Sie drehte noch einmal den Kopf und blickte zurück in die dunkle Welt, aus der sie gekommen war. Flucht war das einzige, was sie bei diesem Anblick noch denken konnte, und sie zog es vor, sich wieder um- und damit wegzudrehen. Die Narbe auf ihrer Brust zog und sie strich mit ihren Fingern über die Erhebung, die sie an die Welt erinnerte, der sie den Rücken zugedreht hatte. Mit dieser Bewegung setzte sie ihren Weg fort, lief der aufgehenden Sonne entgegen.
Der Boden, den sie unter ihren Füßen fühlte, war warm und sie sog die weiche und angewärmte Luft tief in sich ein, als wollte sie jeden Rest an Kälte aus sich hinausdrängen. Schließlich setzte sie sich in der hellen Welt auf den warmen Sand am Rande des großen Meers, das ihr mit seiner Weite den Atem zu rauben schien, denn es versprach ihr ohne Worte so viel Freiheit, die sie gar nicht zu fassen glauben konnte.
Ihre Füße waren zur Ruhe gekommen, ihre Flucht, ihr Lauf beendet. Entspannt beobachtete sie, wie die Sonnenstrahlen auf die Spitzen der Wellen trafen und sie zu kitzeln schienen, so dass sich das Wasser an seiner höchsten Stelle zu kräuseln begann. Sie schloss die Augen und ließ sich selbst auch kitzeln. Als sie wieder aufblickte, stand die Sonne ihr gegenüber.
Die Wärme war einer zunehmenden Hitze gewichen. Die Sonne brannte auf ihrem Gesicht und sie stand auf, um ihr ausweichen zu können. Dabei fiel ihr Blick auf das, was nun zu ihren Füßen lag und von dort aus größer wurde. Ihr Atem stockte und wieder war es das eine Wort, das eigentlich schon in die Vergangenheit verdrängt worden war, das sich nun wieder in ihre Gedanken schlich und sie zum Amoklauf bringen wollte.
Flucht! Das Wort drang in ihren Kopf ein, füllte ihn aus und verhakte sich in den Windungen. Es dominierte ihre Gedanken und randalierte in ihr, ließ sie nicht mehr los. Sie machte einen schon fast gelähmten Sprung zur Seite, doch der Schatten zu ihren Füßen folgte ihr ohne Verzögerung. Sie begann zu laufen, diesmal ins Wasser hinein, doch er ließ sie nicht mehr los. Sie fühlte, wie die Kälte von dort unten aus in ihr hochzog und sie dazu zwang, ihren fliehenden Schritt wieder zu verlangsamen, obwohl der andere, immer kleiner werdende Teil in ihr schneller werden wollte, laufen, weglaufen, fliehen, weg, raus, weg, Flucht! Aber der Schatten zu ihren Füßen packte sie, ergriff sie, hielt sie fest, bis sie in vollendeter Lähmung zum Stillstand kam. Auf ihrer Brust klafften große Wunden, so tief, dass sie ihr Herz berühren mussten.
Das Blut, das aus ihnen strömte, vereinigte sich schließlich mit dem salzigen Meer, als sie tiefer hineinsank, der Schatten ihr voraus, sie weiter hinab ziehend. Einige letzte Luftblasen ließen sich noch von den Sonnenstrahlen an der Wasseroberfläche kitzeln, während ihre Füße viel weiter unten nun den Boden berührten. Hier unten brach nur wenig Licht durch. Vertrieben von dem umgebenden Wasser verließ auch endlich das eine Wort ihr Bewusstsein und auch ihr Schatten verschwand. Endlich war die Flucht für immer vorbei.
Donnerstag, 16. Juli 2009
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