Donnerstag, 20. Dezember 2012
Habt ihr es schon gehört?
„Habt ihr es schon gehört?“ fragte der Mann die Frau, als er am Abend abgehetzt nach Hause kam. Und als er ihr es erzählte, strahlte ein Lächeln über ihrem Gesicht. So gingen sie glücklich zu Bett und erwachten am Morgen gleichfalls glücklich.
Es war der Chef, der seinen Angestellten fragte, ob er es schon gehört hatte. Dieser blickte panisch von seiner Arbeit hoch und fragte sich, was er vergessen habe.Doch als der Chef es ihm sagte, erstrahlt ein Lächeln über sein Gesicht und er wurde glücklich.
Es war die Kassiererin, die die gehetzte Frau an der Kasse fragt, ob sie schon gehört hätte.
Die Frau hört ihr zunächst gar nicht zu. Dann nahm sie doch das Handy vom Ohr und die Kassiererin wiederholte ihre Frage. Und über dem Gesicht der Frau erstrahlte ein Lächeln, als ihr die Antwort klar wurde.
Es war der Boxer, der seinem Gegner im Ring entgegentrat und ihn fragte, ob er es schon gehört habe. Dieser ließ verdutzt den Arm sinken, mit dem er seinen Gegner auf die Matte schicken wollte.
Ein Lächeln überstrahlte sein Gesicht und gemeinsam wandten sie sich dem Ringrichter zu und fragten ihn, ob er es denn schon gehört habe. Dieser brach daraufhin den Kampf ab und ein Lächeln überstrahlte ihre Gesichter.
So verbreitete sich die Frage durch die Stadt, das Land, durch die ganze Welt. Menschen stellen sich die Frage, flüsternd, lachend, schreiend, jubelnd, leise murmelnd. Und auch wenn sie die Frage nicht erwartet hatten und die Antwort nicht kannten, hatten sie sie doch gewusst. Politiker riefen es in die Mikrofone, die Nachrichtensprecher erzählten es der Kamera. Der Professor brach mit dieser Frage seine Vorlesung ab und der Prediger verkündete es von seiner Kanzel.
Es war eine Frage, die um die Welt schwirrte. Und als die Frage endlich bei dem kleinen Mädchen ankam, das sich die Welt anschaute und sich wunderte, lachte dieses nur laut auf und sagte:
„Ich weiß, es ist Weihnachten!“
Samstag, 15. Dezember 2012
Es.
Genervt blickte er sich um. Nichts Bekanntes kam ihm vor die Augen und er verfluchte alle, die auch nur
möglicherweise Schuld an seiner Situation sein konnten. Zum Beispiel
sein Manager, der ihm diesen Auftritt in einer wahrlich
gottverlassenen Gegend aufgedrängt hatte. Oder seinen Assistenten,
der sich am Morgen wegen einer Grippe krank gemeldet hatte. „Grippe“,
schnaubte er verächtlich, „der hat doch höchstens einen
Schnupfen!“ Dann verfluchte er auch noch die Welt im Allgemeinen,
weil sie ihm offensichtlich heute Abend nicht gut gesonnen war, und
sein Navi im Speziellen, weil es ihn an diesen Ort gebracht hatte,
der so gar nicht dem entsprach, was er erwartet hatte. Er entsprach
auch nicht der Adresse, an der er jetzt eigentlich hätte sein
sollen, aber das war nur noch ein weiterer Punkt auf seiner
Ärgernisliste, die vor seinem inneren Auge gerade länger und länger
wurde. Zuguterletzt setzte er auch noch die Tankstellenbesitzer
dieser Welt auf die Liste, da er seit über einer Stunde kein
hoffnungsvoll leuchtendes Fleckchen mit Benzinvorräten mehr gesehen
hatte und das einzige Leuchten, das mit Benzin in Verbindung gebracht
werden konnte, die nun mehr sehr dramatisch blinkende Warnleuchte in
seinem Auto war. Wie es auch nicht anders hätte kommen können,
rumpelte sein Auto in diesen Momenten noch ein paar Mal und rollte
dann still und leise ein paar Meter aus, bis es schließlich
endgültig stehen blieb. Nick schlug verärgert mit der rechten Hand
auf das Lenkrad und zuckte zusammen, als seinem Auto ein lautes Hupen
entwich. Seinem Navi entsprechend müsste jetzt er jetzt kurz vor der
Stadt sein, in der man ihn bereits seit zwei Stunden erwartete. Oder
vielleicht auch nicht mehr erwartete, den Tatsachen musste er wohl in
die Augen sehen. Momentan sah er aber vorerst so gut wie nichts mehr.
Hier draußen im Nirgendwo schien das Dunkel dunkler zu sein als
anderswo. Das Leuchten seines Navis verhinderte zusätzlich, dass er
auch nur irgendwas außerhalb der Karosserie seines Autos erkennen
konnte. Nick zog sein Handy aus der Tasche, doch das hatte irgendwo
auf der Strecke den letzten Rest an Empfang verloren. Fluchend stieß
er die Autotür auf und schwang seine Beine und dann auch noch seinen
Körper aus dem Auto.
Anders als im Auto, in dem er laute
Musik gehört hatte, bis er vom Warngeräusch des Benzinwächters
gestört worden war, herrschte hier draußen eine bedrückende
Stille. Zusätzlich zu der eh schon einschüchternden Dunkelheit gab
es nichts zu hören außer einem Rascheln der Bäume am Straßenrand
und Nicks eigenem Atem. Das Handy als
Taschenlampe verwendend, ging Nick ein paar Schritte die Straße
entlang, musste jedoch feststellen, dass jeder Meter des Asphalts so
aussah wie der andere. „Das ist ja wie eine verdammte einsame
Insel“, fluchte er. Fehlt nur noch die Palme und der Sandstrand,
dachte er. Das wiederum wäre ja gar keine so schlechte Situation,
zumindest besser und heller, als die einsame Straßen-Insel mitten in
einem dunklen Nirgends weit weg von Irgendwo. Nick drehte um und
wollte wieder zu seinem Auto zurück, um dort wenigstens einen Rest
von Wärme und einen Großteil von Sicherheit zu verspüren. Doch als
er die Schritte zurückgemacht hatte, die er glaubte, in die andere
Richtung gegangen zu sein, stieß er nicht auf sein Auto. Verdutzt
blickte er sich um und hielt den sehr schwachen Schein des
Mobiltelefons in alle Richtungen. In keiner konnte er etwas
metallisch Glänzendes erkennen. Er rannte in die eine und in die
andere Richtung, bis er nach Luft schnappend stehen blieb. Wo vor
wenigen Minuten noch sein Auto gewesen sein musste, war jetzt nur
noch Dunkelheit.
Auf einmal trat er auf etwas und ein
lautes Geräusch durchschnitt die Nacht. Als ob ein Knochen brach,
dachte Nick unbehaglich, dabei wusste er noch nicht einmal, wie sich so etwas
anhören müsste. Vorsichtig hob er den Fuß, unter dem sich der
vermeintliche Knochen befand. Im bläulichen Licht des Handys sah er
einen Bleistift, gelb-schwarz, nur noch halb lang, an der Spitze
stumpf und nun auch noch in der Mitte durchgebrochen. Es gab wenige
Dinge, die Nick hier erwartet hätte; zumal er im Prinzip gar nichts
hier erwartet hatte. Aber ein Bleistift stand auf der Liste definitiv
nicht.
Nick fuhr erneut herum, als er den Wind
heulen hörte. Wie ein Schreckensgeheul huschte der Wind um ihn herum
und durch seine Ohren, bis ihm die Gänsehaut den Rücken hochkroch.
Nick fror auf einmal und wünschte sich, das Auto nie verlassen zu
haben. Er blickte sich erneut um; erneut in Hoffnung, sein Auto doch
noch zu finden. Doch er fand es nicht, vielmehr fand etwas anderes
ihn. Es fühlte sich wie der kalte Wind an. Es hörte sich an wie
der zerbrechende Bleistift. Es sah aus wie die schwarze Dunkelheit.
Und es sagte zu ihm: „Dies ist deine Strafe.“
(Reizwortgeschichte: Musiker, einsame Insel, Bleistift, Strafe)
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