Samstag, 15. Dezember 2012

Es.

Genervt blickte er sich um. Nichts Bekanntes kam ihm vor die Augen und er verfluchte alle, die auch nur möglicherweise Schuld an seiner Situation sein konnten. Zum Beispiel sein Manager, der ihm diesen Auftritt in einer wahrlich gottverlassenen Gegend aufgedrängt hatte. Oder seinen Assistenten, der sich am Morgen wegen einer Grippe krank gemeldet hatte. „Grippe“, schnaubte er verächtlich, „der hat doch höchstens einen Schnupfen!“ Dann verfluchte er auch noch die Welt im Allgemeinen, weil sie ihm offensichtlich heute Abend nicht gut gesonnen war, und sein Navi im Speziellen, weil es ihn an diesen Ort gebracht hatte, der so gar nicht dem entsprach, was er erwartet hatte. Er entsprach auch nicht der Adresse, an der er jetzt eigentlich hätte sein sollen, aber das war nur noch ein weiterer Punkt auf seiner Ärgernisliste, die vor seinem inneren Auge gerade länger und länger wurde. Zuguterletzt setzte er auch noch die Tankstellenbesitzer dieser Welt auf die Liste, da er seit über einer Stunde kein hoffnungsvoll leuchtendes Fleckchen mit Benzinvorräten mehr gesehen hatte und das einzige Leuchten, das mit Benzin in Verbindung gebracht werden konnte, die nun mehr sehr dramatisch blinkende Warnleuchte in seinem Auto war. Wie es auch nicht anders hätte kommen können, rumpelte sein Auto in diesen Momenten noch ein paar Mal und rollte dann still und leise ein paar Meter aus, bis es schließlich endgültig stehen blieb. Nick schlug verärgert mit der rechten Hand auf das Lenkrad und zuckte zusammen, als seinem Auto ein lautes Hupen entwich. Seinem Navi entsprechend müsste jetzt er jetzt kurz vor der Stadt sein, in der man ihn bereits seit zwei Stunden erwartete. Oder vielleicht auch nicht mehr erwartete, den Tatsachen musste er wohl in die Augen sehen. Momentan sah er aber vorerst so gut wie nichts mehr. Hier draußen im Nirgendwo schien das Dunkel dunkler zu sein als anderswo. Das Leuchten seines Navis verhinderte zusätzlich, dass er auch nur irgendwas außerhalb der Karosserie seines Autos erkennen konnte. Nick zog sein Handy aus der Tasche, doch das hatte irgendwo auf der Strecke den letzten Rest an Empfang verloren. Fluchend stieß er die Autotür auf und schwang seine Beine und dann auch noch seinen Körper aus dem Auto.

Anders als im Auto, in dem er laute Musik gehört hatte, bis er vom Warngeräusch des Benzinwächters gestört worden war, herrschte hier draußen eine bedrückende Stille. Zusätzlich zu der eh schon einschüchternden Dunkelheit gab es nichts zu hören außer einem Rascheln der Bäume am Straßenrand und Nicks eigenem Atem. Das Handy als Taschenlampe verwendend, ging Nick ein paar Schritte die Straße entlang, musste jedoch feststellen, dass jeder Meter des Asphalts so aussah wie der andere. „Das ist ja wie eine verdammte einsame Insel“, fluchte er. Fehlt nur noch die Palme und der Sandstrand, dachte er. Das wiederum wäre ja gar keine so schlechte Situation, zumindest besser und heller, als die einsame Straßen-Insel mitten in einem dunklen Nirgends weit weg von Irgendwo. Nick drehte um und wollte wieder zu seinem Auto zurück, um dort wenigstens einen Rest von Wärme und einen Großteil von Sicherheit zu verspüren. Doch als er die Schritte zurückgemacht hatte, die er glaubte, in die andere Richtung gegangen zu sein, stieß er nicht auf sein Auto. Verdutzt blickte er sich um und hielt den sehr schwachen Schein des Mobiltelefons in alle Richtungen. In keiner konnte er etwas metallisch Glänzendes erkennen. Er rannte in die eine und in die andere Richtung, bis er nach Luft schnappend stehen blieb. Wo vor wenigen Minuten noch sein Auto gewesen sein musste, war jetzt nur noch Dunkelheit.

Auf einmal trat er auf etwas und ein lautes Geräusch durchschnitt die Nacht. Als ob ein Knochen brach, dachte Nick unbehaglich, dabei wusste er noch nicht einmal, wie sich so etwas anhören müsste. Vorsichtig hob er den Fuß, unter dem sich der vermeintliche Knochen befand. Im bläulichen Licht des Handys sah er einen Bleistift, gelb-schwarz, nur noch halb lang, an der Spitze stumpf und nun auch noch in der Mitte durchgebrochen. Es gab wenige Dinge, die Nick hier erwartet hätte; zumal er im Prinzip gar nichts hier erwartet hatte. Aber ein Bleistift stand auf der Liste definitiv nicht.

Nick fuhr erneut herum, als er den Wind heulen hörte. Wie ein Schreckensgeheul huschte der Wind um ihn herum und durch seine Ohren, bis ihm die Gänsehaut den Rücken hochkroch. Nick fror auf einmal und wünschte sich, das Auto nie verlassen zu haben. Er blickte sich erneut um; erneut in Hoffnung, sein Auto doch noch zu finden. Doch er fand es nicht, vielmehr fand etwas anderes ihn. Es fühlte sich wie der kalte Wind an. Es hörte sich an wie der zerbrechende Bleistift. Es sah aus wie die schwarze Dunkelheit. Und es sagte zu ihm: „Dies ist deine Strafe.“

(Reizwortgeschichte: Musiker, einsame Insel, Bleistift, Strafe)

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